Leseprobe
 

Hochverrat ?
Die Wahrheit über die Politiker der Weimarer Republik
von Claus Claussen

ISBN 3-00-011295-2   –  € 15,75 –  Preise inkl. MwSt., zzgl. Versand  

 

Die Frontsoldaten retten die Novemberregierung

Mit diesem Aufsatz erleben wir den Ablauf der Geschichte am Ende des Jahres 1918:

Aus der Abdankungsurkunde Kaiser Wilhelms II:
"... Ich erwarte von ihnen (Offizieren, Unteroffizieren und Mannschaften), daß sie bis zur Neuordnung des Deutschen Reiches den Inhabern der tatsächlichen Gewalt in Deutschland helfen, das deutsche Volk gegen die drohenden Gefahren der Anarchie, der Hungersnot und der Fremdherrschaft zu schützen.
28. November 1918 in Amerongen."

Im Zug Berlin - Moskau wird ein zerknülltes Stück Papier gefunden. Als 21 Rechnungen, datiert vom 21. September 1918 bis 31. Oktober 1918, stellt sich der Knäuel heraus, bezahlte Waffenlieferungen für den Sowjetdiplomaten Joffe. Der Russe hat sich in Berlin versorgt mit: 159 Mauserpistolen, 28 Brownings, 23 Parabellumpistolen, 27.000 Patronen für 105.000 Mark.
Am 9. Dezember 1918 verkündet Joffe: "Die Zahl der angekauften und dem jetzigen Minister Barth (deutscher Volksbeauftragter) übergebenen Waffen ist viel höher. Herrn Barth sind seinerzeit zum Zwecke der Beschaffung von Waffen nicht 105.000 Mark übergeben worden, sondern mehrere 100.000 Mark. Indem ich das feststellen möchte, rühme ich mich, durch diese meine Tätigkeit, die im Einvernehmen mit den unabhängigen Ministern Haase (deutscher Volksbeauftragter), Barth und anderen geschah, auch für meine Person zum Siege der deutschen Revolution nach Kräften mitgewirkt zu haben."
Der USPD-Mann Haase sagt darüber: "Mein Kollege Barth hat, wie mir bekannt ist, für den erwarteten Moment des Ausbruchs der Revolution Waffen für das deutsche Proletariat besorgt."
Und der Unterstaatssekretär und bekennende Zionist im Reichsjustizamt, Dr. Oskar Cohn, der Mann, der in einem Untersuchungsausschuß später den Generalfeldmarschall von Hindenburg, Ludendorff und Helffrich verhört hat, rechtfertigt am 27. Dezember 1918 die Annahme von Sowjetgeld zum Zwecke der Erdolchung des deutschen Kriegsheeres folgendermaßen: " Bedarf es umständlicher Erklärung und Begründung, daß ich die Geldmittel, die mir die russischen Parteifreunde durch den Genossen Joffe für die Zwecke der deutschen Revolution zur Verfügung stellten, gern entgegengenommen habe... Ich habe das Geld seinem Zwecke zugeführt, nämlich der Vorbereitung des Gedankens der Revolution, und bedauere nur, daß es mir die Umstände unmöglich gemacht haben, die ganze Summe schon aufzubrauchen."
Wieviel Geld es war, darüber hat Joffe die folgenden, keineswegs erschöpfenden Angaben gemacht: "Ich möchte... dem Rechtsbeistand der russischen Botschaft in Berlin, Herrn Reichstagsabgeordneten Oskar Cohn mitteilen, daß jene 550.000 Mark und 150.000 Rubel, die er von mir in der letzten Nacht vor der Ausweisung, und zwar als Mitglied der USP zur Förderung der deutschen Revolution erhalten hatte, in jener Nacht, als er gemeinsam mit uns im Botschaftsgebäude verhaftet wurde, daß er diese Summe zur Zeit nicht an die USP auszuzahlen braucht. Das gleiche gilt von den in Deutschland deponierten zehn Millionen Rubeln, worüber ich Herrn Dr. Cohn Dispositionsrecht im Interesse der deutschen Revolution eingeräumt habe... Was endlich die Summe von 350.000 Mark und 50.000 Rubel anbetrifft, die Herr Dr. Cohn von mir zur Hilfeleistung an die in Deutschland zurückgebliebenen russischen Staatsangehörigen (Sowjetagenten) erhalten hat, so bitte ich ihn, über diese Gelder auftragsgemäß zu verfügen..."

... und Otto Wels ruft nach der Wachtparade

Die Berliner Schutzmannschaft ist entwaffnet und entlassen; im Polizeipräsidium herrscht der Unabhängige Eichhorn. Er hat den "Wachtmann" als Polizisten erfunden, der jetzt ohne Waffe Dienst tut. Dafür läßt Eichhorn am 6. und 7. November von Erich Prinz, dem Kommandanten seiner Sicherheitswehr, Waffen an die Schwartzkopffschen Arbeiter verteilen. Noske schreibt in sein Revolutionsbuch: "Aus verschiedenen Waffenfabriken sind wiederholt große Mengen Waffen auf Veranlassung des Polizeipräsidiums geholt und an kommunistische Hauptquartiere zur Verteilung an ihre Anhänger geliefert worden." Das gibt Prinz - der sich Jahre später als gewöhnlicher Krimineller entpuppte - auch zu.
Als Berliner Stadtkommandant spielt sich der Sozialdemokrat Otto Wels auf. Über die militärische Macht des Berliner Revolutionskommandanten sagt der spätere sozialdemokratische Reichswehrminister Noske, der selbst nie Soldat war: "Alle Regimenter der Berliner Garnison (er meint natürlich die Ersatzbataillone junger Rekruten, die erst Soldaten werden sollten; denn die Regimenter waren an der Front) haben in den ersten Revolutionstagen den sechs Volksbeauftragten ihre Ergebenheit bekundet. Nach wenigen Tagen zeigte es sich jedoch, daß mit den führerlosen Leuten nichts anzufangen war: wenn sie gebraucht wurden, kamen sie nicht. Bei einem Alarm waren noch nicht 100 Mann mit einem Gewehr zur Stelle."
Die sogenannten Volksbeauftragten sitzen in diesen Tagen vollkommen fest; die Straße terrorisiert sie sowie ganz Berlin. Seitdem es keine Offiziere, keine Truppe, keine Polizei mehr gibt, seitdem, von Liebknecht, Luxemburg und Lebedour bis zur Siedehitze aufgepeitscht, der Mob seine Verbrü-derungsorgien mit "befreiten" Zuchthäuslern, Deserteuren, geschlechtskranken Lazarettinsassen und mit hergelaufenem Matrosengesindel durch Plünderungen, Schießereien, Haussuchungen und Verhaftungen feiert, seitdem jeden Tag ein anderer Streik die Berliner Betriebe und Verkehrsmittel lahmlegt, - da schreit die Novemberbonzokratie plötzlich nach Soldaten.
In der Reichstagssitzung des Soldatenrates am 15. November 1918 gebärdet sich Otto Wels stramm "militaristisch". Er fordert die alte Berliner Wachtparade, Soldaten, die "in straffer Ordnung mit klingendem Spiel auf Wache ziehen, damit Berlin sieht, daß es noch Soldaten gibt." Es ist ein bezeichnendes Stück und bedarf keines Kommentares: sechs Tage nach dem Novemberverratstag bereits! Wels, dessen Partei Gegner der Todesstrafe ist, weiß kein anderes Mittel mehr gegen die Spartakusschützen als: "...an die Mauer mit dem Kerl!", der mit einer Flinte die Straße unsicher macht. Die Praxis des sozialdemokratischen Berliner Stadtkommandanten wirft alle theoretischen Grundsätze des SPD-Programmes vom 15. November 1918 über Bord.
Ein Säulenanschlag in Potsdam gibt bekannt: "Ich bitte die Kameraden der Garnison Potsdam, sich der neuen Regierung zur Verfügung zu stellen. Wir alle wollen nur das Wohl unseres Vaterlandes. Prinz Eitel Friedrich." Der Kaisersohn, und zwar der zur Zeit älteste in Deutschland, also der Familienchef des "fluchwürdigen" Hohenzollernhauses, sucht selbstlos für die Novemberregierung in Kreisen zu werben, gegen die jahrelang bis auf diesen Tag von der Sozialdemokratie in wüstester Weise gehetzt worden ist. Das ist am 17. November 1918.
Am gleichen Tage liest man folgende Veröffentlichung: "Ich habe mich mit dem Kommandeur der Potsdamer Garnison dem Arbeiter- und Soldatenrat Potsdam zur Verfügung gestellt. von Treskow, General der Kavallerie."
Und Wels selbst sucht am selben Tage Truppen, er ruft nicht mehr "klassen-bewußte Proletarier", er sagt: "...Bildet aus euren Reihen eine republikanische Bürgerwehr, die Ordnung, Freiheit und Ruhe aufrecht erhält. Eure Soldatenräte haben Listen aufgelegt, in die sich alle einzeichnen können, welche sich dieser hohen und dringend notwendigen Aufgabe widmen wollen. Ihr erhaltet ausreichend Löhnung und Verpflegung. Allen voran ihr Berliner Kameraden, laßt eure Vaterstadt nicht der Plünderung und dem Bruderkrieg anheimfallen. Ihr müßt an erster Stelle in diese Wehr eintreten."


Jetzt rächt sich die Hetze gegen den Offizier

Die Sozialdemokratie hat jahraus jahrein gegen jede Wehrvorlage gestimmt, sie hat in engstirnigem Parteifanatismus den Wehrwillen zu untergraben und in blutigen Imperialismus umzulügen versucht. Sie hat gegen das Offizier- und Unteroffizierkorps gehetzt, die Chargen als Leuteschinder gegen die Untergebenen und diese als Bornierte des "Kadavergehorsams" gegen die Vorgesetzten ausgespielt.
Jetzt erntet die Novemberregierung Sturm, nachdem sie Wind gesät hat. Das jahrzehntelang künstlich genährte Gift gegen den Offizier tut seine Wirkung. Die Meuterer in der Heimat entledigen sich zuerst der Offiziere. Damit gibt es aber auch keine verwendungsfähige Truppe mehr. Will man jetzt also Truppen haben, so geht es ohne den Offizier nicht. Die Meuterer denken aber gar nicht daran, sich wieder von Offizieren führen zu lassen, die ihnen doch gerade die Parteiredner und Parteipresse der jetzt im November 1918 Regierenden als wahre Scheusale immer hingestellt haben. Der sozialdemokratische Fluch gegen den Offizier beginnt sich zu rächen. Die Bolschewisten funken: "Soldaten und Matrosen! Gebt die Waffen nicht aus der Hand! Es gilt, mit den Waffen in der Hand wirklich die Macht überall zu übernehmen und eine Arbeiter-, Soldaten- und Matrosenregierung mit Liebknecht an der Spitze zu bilden. Lasset euch keine Nationalversammlung aufschwatzen!" Das ist verständlicher für die Meuterer in Deutschland als der plötzliche Angstschrei von Otto Wels nach der Berliner Wachtparade, nach Bürgerwehr und Offizieren.
Denn diese braucht nun Wels. Er war so naiv, anzunehmen, er könne als Kommandant von Berlin alles einfach kommandieren. Er war nicht so gerissen wie Noske in Kiel, der in der Ostseestation nach seinem eigenen Eingeständnis sich nur so behaupten konnte: "Die Herren (Offiziere im Stationsgebäude) wurden von mir (Noske) eindringlichst gebeten, auf ihren Posten zu verbleiben, weil ich mir darüber vollständig klar war, daß ein heilloses Durcheinander entstehen müsse, wenn die eingearbeiteten und sachkundigen Leute von den Geschäften weggingen." Als Noske dann Gouverneur in Kiel wird, behält er diese Taktik bei: "...ich ersuchte sie (die Offiziere des Kieler Gouvernements), im Interesse des Landes, der 60.000 - 80.000 Soldaten sowie der Bewohner von Kiel, für deren Wohlergehen zu sorgen sei, sich mit Würde in das Unabänderliche zu fügen und mir bei der Leitung der Geschäfte nach Kräften helfend zur Seite zu stehen."
Und doch hat Noske die Früchte der Hetze gegen den Offizier in Kiel zu spüren bekommen. Er schreibt: "Regelrechter Dienst wurde auf den Schiffen nicht getan. Offiziere, die auf Ordnung sahen, wurden an Bord nicht geduldet... Eigentlicher Dienst wurde nicht getan. Selbst die Erstellung der erforderlichen Wachen machte Schwierigkeiten... Nur in einigen Formationen, wo alte Feldwebel oder Deckoffiziere einige Autorität hatten, sah es äußerlich leidlich militärisch aus."
Berlins Revolutionskommandant hat sich 2000 "zuverlässige" Matrosen aus Kiel für Berlin verordnet. Sie werden der Grundstock für die berüchtigte Volksmarinedivision. Ihre Führer wechseln ständig: Trost, Neumann, Metter-nich, Dorenbach usw. Auf sie ist kein Verlaß, sie wird bald zu einer Gefahr. Der Berliner Polizeipräsident Eichhorn hat zwar eine Sicherheitswehr geschaffen, Noske charakterisiert sie aber: "Sie taugt nichts und sollte von Anfang an zu einem Machtinstrument der Unabhängigen gemacht werden." So bleibt noch übrig die "Republikanische Soldatenwehr", eine Gründung von Wels - mit Unterstützung mehrerer Offiziere - aus gedienten Mannschaften. Aber unter den gewählten Führern darf kein Offizier sein! Noske sagt über die Kampfesfähigkeit dieser Republikaner: "Für etwas Wacht- und Patrouillendienst langten sie notdürftig aus."
Die Militärische Macht und die Sicherheitstruppe in Berlin bis Ende des Jahres 1918 ist geradezu klassisch von Noske geschildert worden: "Als man mich nach Berlin berief (Weihnachtszeit 1918) verfügte man über 20.000 Mann revolutionärer Truppen. Aber diese Leute waren nicht zu haben, wenn ein Schuß fiel. Nur dann waren sie auf dem Posten, wenn es gegen die Regierung ging."


Den hohen Blutzoll hat die Sozialdemokratie zu verantworten
– und diese Schuld kann niemals abgewaschen werden !

Wie es in Berlin zugeht, so ist es im ganzen Reich. Überall Plünderung, Gewalt, Schießerei und Mord; überall völlige Machtlosigkeit der neuen Regierung. Wenn es nicht so schmachvoll, schandvoll und verbrecherisch wäre, könnte man dieses Stück deutscher Geschichte als Satire schreiben. Ein Vollzugsausschuß, Rat, eine Neuner- oder Siebenerkommission nach der anderen tut sich auf. Diese Leute fassen Beschlüsse, protestieren, fordern, stimmen ab und kommen sich ungeheuer wichtig vor, da irgendwer von der Regierung mit ihnen verhandelt, ihr ödes und wüstes Gequatsche - übrigens oftmals von komisch-feierlicher Geschwollenheit - ernst zu nehmen scheint. Nicht ein Mann von Format ist in dem Sauhaufen, der heute höhere Löhnung, besseres Essen erpreßt, morgen die Auszahlung von angeblich versprochenen Geldprämien verlangt, - wenn die Regierung nicht will, daß ihre eigene Truppe zu Spartakus übergeht und sie selbst festsetzt. Daß diese "Soldaten" ihre Kothaufen auf die Läufer im Reichstagsgebäude und in die Prachtsäle des Berliner Kaiserschlosses setzen, ist durchaus im Stile des Neuen Errungenschaftsgeschmackes, der mangels eigener Leistungskraft und überquellend von marxistischen Neid- und Minderwertigkeitsinstinkten alles besudelt, zerstört und beschimpft, was eine andere Zeit Großes geschaffen hat. Noske schreibt 1920 rückschauend auf diese Ereignisse: "In der Schicksalsstunde des deutschen Volkes versagte ein großer Teil des sozialdemokratisch gesinnten Proletariats und seiner Führer, zeigte es sich den zu lösenden Aufgaben nicht gewachsen."
Das ist milde und sehr beschönigend ausgedrückt, aber verständlich, denn auch Noske ist im allgemeinen bei weitem überschätzt worden. Er ist der typische SPD-Bonze auch in jenen Tagen geblieben, der immer verhandelt und abstimmt, bis es zu spät ist. Erst wenn ihm die Wogen über dem Kopf zusammenzuschlagen drohen, erst wenn Blut fließt und in sein durch Gewerkschaftspraktiken stehengebliebenes Unvermögen Spartakus so groß geworden ist, daß es nunmehr auch den Volksbeauftragten persönlich im nächsten Augenblick an den Kragen geht, dann bekommt Noske den Mut der Verzweiflung und handelt, d. h. er läßt die Frontoffiziere die Fehler der Regierung ausbaden. Wie klein in Wahrheit der Mann ist, zeigt sein Entschuldigungsbuch "Von Kiel bis Kapp". Was da aus Eitelkeit und Selbstgefühl zusammengetragen ist, um die eigene Person mit echtem SPD-Phrasenschwall in das rechte Licht zu setzen, ist ein mindestens ebenso wirkungsvoller Kommentar für vieles, was damals geschehen beziehungsweise unterblieben ist, wie eine vernichtende Wahrheit für die anderen Novemberlinge, die Noske rücksichtslos preisgibt. ...

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