Leseprobe
”Der Heilige Gral den deutschen Stämmen!”
Der Heilige Gral und ich ..
Roman von Horst von Weidenfels
ISBN 3-00-013018-7 – € 14,85 – Preise inkl. MwSt., zzgl. Versand
... Wir waren nur auf uns allein gestellt. Mein direkter Vorgesetzter, der Bimbaschi – ein türkischer Major, und ich,
Hauptmann Horst von Weidenfels von dem einstmaligen Ingenieur- und Pionierkorps Auler-Paschas im Osmanischen Reich. Eigentlich war ich Ingenieur für das Eisenbahnwesen und mein Hauptmannsrang war nur das
militärische Zugeständnis für meine zivile Profession.
Das einzig Unangenehme war ohne Zweifel das Biwakieren unter freiem Himmel im zerklüfteten Taurusgebirge bei
diesen erbärmlichen Temperaturen. Mit schönen Bergen und dem Schnee waren dann allerdings schon die meisten Gemeinsamkeiten mit dem Königreich Bayern zu Ende. Nirgends gab es ein knisterndes Kaminfeuer. Es gab keine
schäumende Maß Bier und keine deftig-bayerische Brotzeit. Unsere Nahrung bestand aus den Rationen der Osmanischen Armee, und die hatte für Schweinshaxen mit Knödeln und Bier nicht das geringste Verständnis.
Doch ich würde dem Kameraden an meiner Seite, Hamid ibn Schukra ibn Feisal aus Damaskus, der im Zivilberuf offenbar Teppichhändler oder dergleichen war, Unrecht tun, denn immer zauberte er etwas Genießbares aus dem
Essenstopf. Und bei dieser Kälte und mit den klammen Fingern war ich jedes Mal dankbar, wenn er auch mir den Cay, den stark gesüßten Pfefferminztee, in mein Glas füllte. Dann vergaß ich sogar den Maßkrug aus dem Bayernlande.
Sternstunden für mich war jene klare, aber bitterkalte Zeit, wenn früh morgens im Osten über Persien die Sonne aufging und Hamid sich beim Gebet gen Mekka neigte, während ich in meinen Händen den heißen Tee hielt und
umhüllt von meiner Decke dem Aufstieg des Zentralgestirns zusah. Dann war ich restlos glücklich.
Jeder achtete den anderen als Kameraden an seiner Seite. Er mich nicht unbedingt meiner militärischen
Fähigkeiten wegen, sondern eher wegen meines Ingenieurstitels. Für mich war bisher Hamid so etwas wie ein Fremdenführer gewesen in einem faszinierenden Lande. Ich war auf Abenteuer aus – und ich bekam sie! Mehr als mir lieb war.
Wie wir miteinander sprachen: Türkisch natürlich, manchmal fiel Hamid auch ins Arabische, da das Osmanische Reich ja ein Vielvölkerstaat war mit einer ebensolchen Unmenge von Dialekten wie Völkerschaften. Meine Familie
unterhielt bereits seit Jahrzehnten Geschäftsbeziehungen zur Hohen Pforte in Konstantinopel. So war es für die Mitglieder derer von Weidenfels nichts Ungewöhliches, sich mit Sprache und Geflogenheiten dieses Gebietes
vertraut zu machen. Und wer nicht freiwillig lernen wollte – der musste eben! Großvater war in dieser Angelegenheit gnadenlos. Man musste unseren speziellen “Freunden” – den Engländern und Franzosen – schließlich immer einen
Schritt voraus sein. Zumeist erwarteten sie, dass die anderen Englisch oder Französisch beherrschten – wir aber sprachen mit ihnen in der Landessprache. Das war ohne Zweifel von Vorteil und bildete eine nicht hoch genug
einzuschätzende Vertrauensbasis bei den Partnern.
“Efendi, das sind keine Untertanen des Padischa, meines Herren und Gebieters in Konstantinopel!”
“Woran erkennst du das, mein Bimbaschi?”
“Siehst du wie sie gehen, wie sie sich benehmen?”
Der Major gab mir das Fernglas zurück.
“Sieh genau hin, Efendi! Sie haben helle Gesichter. Sie haben Gesichter wie das deine. Bald schon reiten sie
davon. Sie sind fertig mit ihren Hantierungen am Geleis. Doch was taten sie da?”
Wieder wollte er aufspringen und ich hielt ihn zurück.
“Bleibe noch eine Weile liegen, bis sie außer Sichtweite sind. Erst dann wollen wir uns ansehen, womit sie sich beschäftigt haben.”
Als hätten sie alle Zeit der Welt, machten sich die Fremden auf und gingen zu ihren Pferden. Dort überprüften sie nochmals die Sattelgurte und stiegen gemächlich auf. Als sie im Sattel saßen zog einer eine Flasche aus den
Taschen und nahm einen tiefen Schluck, bevor er sie an seinen Nachbarn weiter gab.
Dann warfen sie noch einmal einen Blick zurück auf den Geleiskörper und ritten nun doch etwas flotter die Schlucht
entlang, überquerten den zugefrorenen Bach, der am Fuße der Schlucht weiß in der Sonne glitzerte und waren alsbald hinter einem Felsvorsprung verschwunden. Langsam verebbte auch der Hufschlag ihrer Pferde.
Eine bange Frage bedrückte mich: was hätten wir getan, wenn die beiden auf uns zugeritten wären?
Vorsichtig rückten wir auf der abgewandten Seite des Bahndamms vor. Unsere Pferde hatten wir hinter einem der
kümmerlichen Büsche angebunden und in der Hand hielten wir unsere Gewehre. Sie waren durchgeladen und gesichert. So konnten wir sehr schnell auf eventuelle Überraschungen reagieren.
Wir versuchten, so leise wie möglich zu sein, doch konnten wir nicht verhindern, dass hin und wieder einer der losgetretenen Schottersteine wegrollte. Dieses Geräusch klang in unseren Ohren wie ein ohrenbetäubender Lärm.
Jedesmal duckten wir uns so tief wie wir nur konnten und verharrten regungslos. Die Schlucht verstärkte das Klickern des Gerölls und wir konnten nur hoffen, dass die beiden durch das metallische Geräusch der Hufeisen ihrer Pferde
auf dem Felsgrund abgelenkt wurden.
Mich mit den Ellenbogen auf einer Schiene abstützend suchte ich mit dem Fernglas die Stelle ab, an der sich die
beiden zu schaffen gemacht hatten. Dann entdeckte ich etwas Metallisches, das nur ganz matt in der Sonne erstrahlte. Ich versuchte das Glas schärfer einzustellen, konnte aber nicht mehr erkennen. Dann ritt mich der Teufel
und ich stand kerzengerade auf den Schwellen. Und jetzt sah ich es: es war ein eiserner Gegenstand von der Größe eines Hutkoffers. Eingebuddelt zwischen den Schottersteinen auf denen die Schwellen lagen. Einige Minuten lang
starrte ich angestrengt durch das Fernglas, als mich der Bimbaschi an den Hosenbeinen wieder herunter zog.
“Beim Scheitan, Efendi! Bist du von Sinnen? Was, wenn die beiden uns jetzt beobachten?” ...
... Ich ließ mich neben ihn fallen, dass die spitzen Steine durch meine Kleidung in die Knie stachen. Einen Aufschrei
unterdrückend befühlte ich die schmerzenden Stellen.
“Dann warten wir eben noch eine Weile.” Ich reichte ihm das Glas. “Kontrolliere dort drüben die Felsbiegung. Dann sind wir vor einer Überraschung sicher.”
Auf dem Hosenboden rutsche ich etwas den Bahndamm hinab und rieb mir meine schmerzenden Knie. Mir war schon klar, dass mein Verhalten eben äußerst unvorsichtig war und ich dagestanden hatte wie eine Zielscheibe.
Nach einer Zeit, die mir unendlich vor kam, rutschte der Bimbaschi neben mich.
“Es ist alles ruhig, Efendi. Was hast du gesehen, als du so groß wie Allah dich geschaffen hat auf den Schienen standest?”
“Mein Bimbaschi, ich bin sicher dass es sich um eine Bombe handelt. Wir müssen zu der Stelle an der sie liegt und sie genau untersuchen.”
Der Bimbaschi sprang auf.
“Bist du schon wieder von Sinnen? Bomben haben die Angewohnheit, im ungeeignetsten Zeitpunkt zu explodieren. Willst du dich – und mich noch dazu – umbringen? Allah möge das verhüten!”
Ich überlegte eine Weile und wandte mich dann zu ihm um.
“Ich glaube nicht, dass die Höllenmaschine jetzt schon detonieren wird. Es ist keine Brücke in der Nähe, über welche
die Geleise führen. Der Schaden wäre also verhältnismäßig gering und der Aufwand für die Halunken viel zu groß. Nein, ich bin davon überzeugt, dass es einen Schalter geben muß der die Bombe auslöst. Und zwar nur dann, wenn
ein Zug darüber fährt.”
Ich stand nun aufrecht und mein Kopf war etwa auf Schienenhöhe. Dann ging ich dennoch vorsichtig auf die Bombe
zu, die zwischen den Schienen lag. Und genau wie ich sagte: ein kleiner Hebel ragte über eine der Schienen. Die Räder der schweren Lokomotive eines Zuges würde ihn nach unten drücken und so die Explosion auslösen. Ein Teufelswerk!
“Hamid, hilf mir! Wir müssen die Bombe aus dem Schotter holen, bevor ein Zug kommt.” In diesem Augenblick war mir nicht klar, dass ich den Major einfach beim Namen nannte. Ohne seinen Rang zu erwähnen. Aber er sagte nur:
“So laß uns denn als Helden sterben, wenn Allah es will! Für den Padischa, meinen Herren und Gebieter, wollen wir’s wagen!”
Vorsichtig nahmen wir Stein um Stein weg und warfen ihn hinter uns. Als die Mine dann völlig frei lag versuchte ich, sie mit beiden Händen zu umfassen und anzuheben. Das gab ich allerdings schnell wieder auf, denn sie war viel zu
schwer.
“Effendi, wie haben diese beiden Schurken – der Scheitan möge sie holen – es geschafft, dies schwere Gerät zu transportieren? Sie hatten keine Packpferde bei sich.”
“Ich denke mir, dass sie die Bombe in Einzelteilen transportierten und erst hier an Ort und Stelle zusammenbauten. Es ist auch in deinem Land nicht einfach, mit einer solch großen Höllenmaschine durch die Gegend zu ziehen. Und
noch dazu als Franken – als Europäer – wie du meinst.”
Ich blickte ihn an.
“Und so wie du können auch deine Landsleute uns Europäer auf den ersten Blick erkennen, auch wenn wir uns noch
so verkleiden. Wie du schon richtig sagtest, wir geben uns anders. Unsere Haltung verrät uns.”
Da wurde mir plötzlich sonnenklar, dass auch ich hier als Exot galt. Ich hatte wohl noch viel an mir zu arbeiten. Trotz
der Unannehmlichkeiten – ich grinste in mich hinein und dachte an Bayern – war ich doch gerne in diesem Land mit seinen freundlichen Bewohnern.
“Warum lachst du, Efendi?”
Ich strahlte ihn an.
“Ich weiß, Efendi, dass ihr Franken seltsam seid. Und dennoch muß Allah euch lieben. Und ich liebe euch ebenso wie der Padischa, mein Herr und Gebieter der in Konstantinopel wohnt – Allah schenke ihm tausend Leben –
deinen Kaiser liebt und Goltz-Pascha und Auler-Pascha auch. Doch warum lachst du? Freust du dich an der Bombe?”
“In gewissem Sinne schon, mein Bimbaschi. Mir ist nur soeben etwas klar geworden, und dafür danke ich dir.”
“Du dankst mir? Aus welchem Grunde? Ich verstehe dich nicht.”
Ich winkte ab und bedeutete ihm, mir bei der Hebung der Bombe zu helfen. Zwei Personen vermochten wohl das
Gerät hochzuheben. Als wir es dann in den Händen hielten, lief uns beiden der Schweiß in Strömen vom Gesicht.
“Jetzt in den Abgrund damit!”
Ich zählte: “Bir, iki … – eins, zwei…”
Und im hohen Bogen warfen wir die Höllenmaschine den Bahndamm hinunter auf den zugefrorenen Bach, der etwa 30 Meter unter uns glitzerte. Noch bevor das Gerät die Eisdecke berührte, lagen wir schon auf der anderen Seite
des Bahndamms auf dem Bauch und hielten uns die Ohren zu.
Ein greller Lichtblitz, gefolgt von einem brüllenden Donnern, erfüllte die enge Schlucht. Eis und Geröllsplitter fielen auf
uns hernieder und genau zwischen uns prallte ein kopfgroßer Felsbrocken, der wieder hochsprang und schließlich ungefährlich den Bahndamm hinunterrollte ...
... Als der Morgen graute brachen wir mit allen Tieren auf um das Plateau zu verlassen, auf dem Ed-Deir – und der
tote Suleiman lagen. Hinter Felsblöcken verstreut lauerte Suleimans übrige Mannschaft. Als ihnen Fahruk zurief, dass sein Vater tot sei und wir beide gesiegt und ihn in unserer Gewalt hätten, sind sie alle geflohen.
Wir bogen auf den guten Weg ein und wollten durch das Wadi Mussa das Areal verlassen, als wir bei der Khazne, einer wunderschönen, aus dem vollen Fels gehauenen Fassade, von einer dreiköpfigen Arabergruppe aufgehalten wurden.
“Haltet an!” rief uns ein alter, weißbärtiger Mann zu. “Folget uns hinein in dieses Haus.”
Als wir zögerten, zeigte sich tatsächlich ein kleines Lächeln in seinem zerfurchten Gesicht.
“Keine Sorge! Es ist keine Gefahr.”
Er ging voraus und wir folgten ihm mit gemischten Gefühlen. Zuerst betraten wir einen kleinen Vorraum, bevor wir weiter hinten in eine notdürftig mit Fackeln erhellte Halle kamen, in deren Mitte ein Steinquader von etwa einem
Meter Höhe stand.
Der Alte stellte sich hinter den Stein und rief an mich gewandt mit lauter Stimme:
“Du bist’s, auf den wir seit Äonen harrten! Nun bist du erschienen, so wie es vor undenklichen Zeiten vorhergesagt wurde.
Wir haben gesehen und erkannt, dass du bist der Würdigste deines gesegneten Stammes, der nun im Norden – im Lande der Mitternacht – die neue Heimat fand. Einstmals lebte er hier und ist vor den überall auf ihn ob seiner
Reinheit dräuenden Gefahren in das nördliche Land gezogen. Doch auch da sind um ihn der Feinde viel, die die göttliche Erwählung deines Stammes zuschanden zu machen trachten.”
Ich hörte erstaunt und mit offenem Munde zu. Was war denn das? Sprach der Alte irre, obwohl die Atmosphäre im Raum schon etwas Feierliches und Heiliges hatte? Mir standen plötzlich die Haare zu Berge, als der Alte aus
zerfetzten Lumpen etwas auswickelte.
Dann hob er einen scheinbar kristallenen Kelch mit gut einem Liter Fassungsvermögen mit beiden Armen in die
Höhe. Im zuckenden, unwirklichen Licht der Fackeln an den Wänden erkannte ich, dass sich eine rote Flüssigkeit in dem Kelch befand. Sie schwappte je nach Bewegung mal hin und her.
“So nimm denn hin zum Heil deines Stammes dies Vermächtnis derer, die vor uns waren!”
Damit reichte er mir über den Stein den Kelch, den ich ungeschickt ergriff und der mir wegen seines unerwartet
hohen Gewichts beinahe aus den Händen fiel. Dabei erkannte ich, dass sein Inhalt tatsächlich Blut sein musste, das aber, obwohl ich das Gefäß eben noch halten konnte, nicht über den Rand trat. Seltsam!
Ich hob nun meinerseits den schweren Kelch mit beiden Händen über den Kopf wie zuvor der Alte mir gegenüber. Ich überlegte noch, was ich wohl sagen sollte, als ich hinter mir ein Rascheln und gleich darauf einen Schuß hörte. Ein
schwerer Körper fiel mit einem dumpfen Laut von hinten auf mich, so dass ich stürzte und gerade noch unter Aufbietung allen Willens den Kelch vorsichtig auf dem Stein abstellen konnte, bevor mich die Last des auf mich
fallenden Leibes zu Boden drückte.
Ich hörte Laila aufheulen.
‘Was ist nun schon wieder los?’ dachte ich und wälzte mich unter dem stöhnenden Körper hervor.
Hier lag Hamid! Er rettete durch seinen Sprung mein Leben, da die Kugel mir galt und nun ihn getroffen hatte. Er war in der Leistengegend verwundet worden und es sah schlimm aus!
Wieder fiel ein Schuß, und ich ließ mich auf Hamid fallen. Dann hörte ich ein klirrendens Scheppern. Erschrocken fuhr ich hoch, um nach dem wohl nun zerborstenen Gefäß zu sehen. Die Kugel hatte aber dem Kelch nichts anhaben
können, sondern der drehte sich nur wie ein Kinderkreisel um seine eigene Achse.
Eine fest zupackende, von zahlreichen Schrunden und Runzeln bedeckte Hand griff sich den Kelch und wir hörten die klare Stimme des Alten.
“Du kommst zurück!”
Und schon war er mitsamt dem Kelch verschwunden.
Ich starrte auf die Stelle, an der sich noch Sekundenbruchteile zuvor Kelch und Mann befanden. Ich konnte niemand
mehr erkennen, da auch die Fackeln bald verloschen.
Eine Hand packte mich am Haarschopf, denn meine Kopfbedeckung hatte ich im Eifer des Gefechts verloren und riß mich schroff zurück.
“Hunne! Sieh mich an! Ich bin Lawrence! Auch ich komme zurück. Dein Erfolg wird sich nicht wiederholen!”
‘Wieso Erfolg?’ dachte ich. ‘Der Kelch ist weg und mit ihm der Alte, der näheren Aufschluß über die ganze Sache
geben könnte. Und überhaupt: zu meinen Füßen verblutete Hamid!
Nun packte mich der Zorn und ich schrie wie nie zuvor in meinem Leben laut auf, zog meine Pistole und schoß auf
das helle Viereck des Ausgangs, in dem sich rennende Gestalten bewegten. Getroffen hatte ich aber nicht.
Wir waren in diesem Raum der Khazne gefangen, aber die Feinde im Freien konnten wegen der sie umgebenden
Tageshelligkeit nicht gezielt auf uns im Dunkeln schießen. Wir aber auf alles, was sich vor dem Eingang bewegte. Wir? Das heißt eigentlich nur ich!
Nun hatte ich erst Zeit, mich um Hamid zu kümmern. Er hatte eine üble Wunde und es sah so aus, als hätte die Kugel seinen Hüftknochen zertrümmert. Egal wie dies hier ausging: für Hamid war der Krieg zu Ende! Laila hatte ihren
Vater notdürftig versorgt, aber er musste unbedingt in ein vernünftiges Lazarett.
Ich lud Hamids und meine Pistole auf und schlich mich immer im Schatten haltend näher zum Eingangsportal der
Khazne. Dann schoß ich in schneller Folge meine Waffen ab, wusste allerdings nicht, ob ich auch getroffen hatte.
Ich drückte mich in eine Nische, denn natürlich schossen die zurück. Das Geschieße hörte nicht mehr auf.
Sonderbarerweise kamen aber keine Kugeln mehr in meine Richtung. Vorsichtig spähte ich durch das Portal und niemand nahm von mir Notiz. Lawrence und seine Bande – es waren keine Engländer, denn sie sprachen Hebräisch
untereinander, das ich auch etwas verstand – waren in einen Kampf mit den Männern des Alten verwickelt. Also waren diese Leute doch nicht so antik, wie der erste Eindruck vermuten ließ. Sie waren sehr wohl im Stande, mit
modernen Gewehren umzugehen.
Dann hörte ich ganz leise, auch durch das Schießen hindurch, wieder den charakteristischen Motorenlärm, der nur zu
einem bestimmten Flugzeug gehören konnte. Ich wollte schon Hurra schreien als ich erkannte, dass nun Lawrence und seine Banditen das Flugzeug unter Feuer nahmen. Doch das mochte Falkenstein und Mewes offensichtlich nicht
und nahmen es sehr übel. Denn um diese beiden handelte es sich. Wie war ich froh, dieses wunderbare und schlichte schwarze Kreuz auf weißem Grund zu sehen.
Die Kameraden zogen die Maschine hoch und kamen wieder. Doch diesmal setzten sie ihre Bordwaffen ein und ließen die Verbrecherbande Polka tanzen, die sich dann in die vielen vorhandenen Höhlen verkrochen.
Dann warf Mewes noch einige Handgranaten aus der Höhe auf sie. Ich konnte mir dabei schon die Schlagzeilen in der englischen Lügenpresse des Lord Northcliffe – der eigentlich Harmsworth hieß und Blätter hatte wie die „Daily
Mail“, „Daily Mirror“, „Daily Express“, „Evening Standard“ u.a. – vorstellen.
Als das Flugzeug sich wieder entfernte, nahmen Lawrence – was für ein Lawrence eigentlich? Mußte man ihn kennen? – und seine Banditen reißaus.
Ich trat nun aus der Khazne, als ich das Flugzeug wieder hörte, das nun suchend das Wadi entlang flog. Ich winkte mit beiden Armen und sie erkannten mich. Tollkühn wie die beiden nun einmal waren, landeten sie an einem
verhältnismäßig geraden Abschnitt des Weges, der dem Bachlauf folgte.
Ich rannte zu ihnen hin und war so erleichtert, dass ich den beiden in die Arme fiel. Dannach erklärte ich keuchend
die ganze Situation. Vor allem die Verwundung von Hamid. Als Vorgesetzter wandte sich Falkenstein an Mewes.
„Du bleibst hier! Ich lade auf deinen Platz den Major Hamid und fliege ihn in das nächste Lazarett.“
Er grinste.
„Dann lernst du wenigsten einmal Kamelreiten. So, jetzt aber los! Ich will hier so schnell wie möglich den Mann in der Maschine haben!“
Wir rannten zur Khazne und brachten Hamid, der mit zusammengebissenen Zähnen dalag, zur Maschine. Vorsichtig betteten wir ihn auf den Sitz von Mewes, als auch schon Falkenstein den Motor aufheulen ließ und nach einigen lustig
anzusehenden Hopsern davonflog.
Wir sahen schweigend zu wie die Maschine höher stieg und verschwand. Ich entdeckte auch den geknickten Fahruk,
der neben uns stand und bisher kein Wort mehr gesprochen hatte. Nun kamen die Araber auf uns zu und machten den Friedensgruß. Wir verabschiedeten uns, den Alten konnte ich aber nirgends entdecken. ...
... Als wir die letzten hundert Meter von vielen hundert Metern zuvor noch zu gehen hatten, beleuchtete die
aufgehende Sonne mit ihrem weichen goldenen Schein den Ausgang der Schlucht, der wir nun schon seit über zwei Stunden im Halbdämmer folgten.
Vor uns lag die freie Landschaft! Hinter uns die Unwirklichkeit einer toten Stadt. Petra! Und hinter uns auch die vielen Kliffs und Schluchten und Grabmale. Und der Alte und seine seltsame Erscheinung! Wenn ich an ihn dachte, konnte
Petra eigentlich nicht tot sein. Denn der Geist des Lebens wohnte in ihr durch die Anwesenheit des Alten. Was immer er auch zu sein scheint: In Petra wohnt eine heilige Macht!
„Vorwärts!“ rief ich. „Nach Norden! Nach Damaskus!“
„Yalla, Yalla“, schnalzte Hamid und die Meharis griffen freudig aus.
Ich holte zu Hamid auf und wir ritten guten Mutes nebeneinander. Die Ersatzkamele liefen ohne zu Murren hinter uns
her. Irgendwie fühlte ich mich zum ersten Mal wieder so richtig wohl in meiner Haut. Die jahrzehntelange Anspannung war wie weggeblasen.
Der Tag ließ sich gut an und ich wusste den Kelch – die Rettung meines Volkes – sicher verwahrt neben mir auf dem Mehari. Mir war nach Singen zu Mute und mir fiel überraschender Weise ein Lied aus meinen Kindertagen ein.
„Geh’ aus, mein Herz und suche Freud …“, sang ich aus vollster Kehle, so dass mich Hamid leicht entgeistert anblickte. Doch ich ließ mich nicht beirren und spulte alle Verse nacheinander ab. Schon erstaunlich, dass ich sie
noch nach so vielen Jahren kannte.
„Wenn mein Bruder den Gesang beendet hat, will ich ihn darüber aufklären, dass ich Motorengeräusche hörte.“
Ich hörte sie auch und wir drehten uns im Sattel um. Ich schrie vor Entsetzen.
„Hamiiid…!“
Doch da hatte er sich in derselben Sekunde wie auch ich aus dem Sattel geworfen und wir ließen uns hinter einen Sandhaufen fallen. Und schon war das Flugzeug heran und der hinter dem Piloten sitzende Mann schoß mit einem
Maschinengewehr auf die Kamele.
Noch im Lauf überschlugen sich die getroffenen Tiere und fielen mit einem hässlichen Geräusch zu Boden. Wir
spähten von unserer Deckung hinüber als der Motorenlärm leiser wurde und waren bestürzt. In unnatürlichen Stellungen lagen unsere geliebten Meharis tot im Sand und das Gepäck war zum Teil weit verstreut.
Ich wollte aufspringen, um nach meinem Schatz – dem Schatz und der Rettung aller Deutschen – zu sehen, doch da kam das Flugzeug schon wieder zurück. Es handelte sich um einen Doppeldecker aus dem Weltkrieg mit den
englischen Kokarden auf Rumpf und Tragflächen. Wo mag der nur herkommen? Der Krieg war schließlich fast ein Jahrzehnt vorbei.
Gerade als ich mich erhob um loszusprinten, spritzten die Geschosse um mich und ließen den Sand zu kleinen Fontänen hochfahren.
Hamid riß mich zu sich herunter und dann setzte das Flugzeug zur Landung an. Es kam genau zwischen uns und den toten Tieren zum Stehen. Während der hinten Sitzende ausstieg, übernahm der Pilot das auf einer drehbaren Lafette
montierte Maschinengewehr und deckte uns mit einer neuen Garbe ein.
Wir erkannten aber, dass sich der Ausgestiegene an den Tieren zu schaffen machte und von Kadaver zu Kadaver
ging. Dann hielt er an meinem Mehari und zog mit großer Anstrengung etwas unter dem Tier hervor.
Es war längere Zeit ruhig bis er wieder zur Maschine zurückkam und seinen Platz einnahm.
Er schwenkte den Kelch und schrie so laut, dass er den Motorenlärm übertönte.
„Deutscher! Hör zu: Ich bin Lawrence! Der Heilige Gral für England und den König! Glastonbury ist der würdige
Schrein für diesen Kelch, der allein Britannien gebührt! – Fahr zur Hölle, Hunne!“ und schoß nochmals auf uns, bevor das Flugzeug abhob.
Ich blickte ihm sprachlos nach und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. Hemmungsloses Schluchzen schüttelte mich, bis mich Hamid in die Arme nahm und mich tröstete.
„Ihr Deutschen seid zu gut für diese Welt voller Schurken! Gräme dich nicht! Ich weiß, Allah wird ihn verderben.“
Wir standen langsam auf und gingen zu den Tieren um zu sehen, ob noch Brauchbares vorhanden war. Denn ohne
Wasser wären wir in zwei Tagen tot! Wir waren abseits jeglicher Route und um uns dehnte sich das Sandmeer. Zur Stunde konnte ich nicht mehr begreifen, wie ich die Wüste einmal habe lieben können. Jetzt fand ich sie schrecklich.
Zum Fürchten!
Unsere Gewehre waren unbeschädigt, doch viel wichtiger erschien uns der Zustand unserer Wasserschläuche. Doch da hatten wir wenigstens Glück im Unglück. Bis auf einen waren alle anderen fünf heil.
„Narr!“ beschimpfte ich mich. Und ich hatte recht damit. Dieses Wasser nützte uns nur etwas, wenn wir hier an diesem Ort blieben. Wer sollte denn die schweren Wasserbehälter über Kilometer und Kilometer schleppen, wenn
wir zu Fuß eine Station erreichen wollten? Wir setzten uns in den Sand und tranken ein paar Schluck.
„Der Böse wird gerichtet werden! Doch keine Sorge, schon bald werdet ihr ein Tier erhalten, das euch von hier
hinweg trägt!“ erschallte hinter uns eine uns eigentlich bekannte Stimme. Doch das konnte nicht sein!
Wir sprangen wie von der Tarantel gestochen auf und wandten uns zu dem Sprecher.
Es war der Alte!
Bei Gott, es war der Alte von heute Nacht und von damals vor zehn Jahren in der Khazne.
„Eine Fata Morgana, Hotti! Nichts weiter.”
Ich glaubte ihm nicht und rannte zu der Stelle, an welcher der Alte bis vor wenigen Sekunden noch gestanden hatte.
„Spuren! Da sind Fußspuren!“ rief ich erregt.
Hamid besah sie sich.
„Das ist die Fährte eines Kindes, nicht eines Mannes.“
Die Spur der Fußabdrücke verlor sich am Horizont und konnte tatsächlich nur von einem Kind stammen. Sie war
noch frisch. Doch wie konnte ein Kind von hier bis zum Horizont in nur wenigen Sekunden rennen?
Ganz sicher: Hier gab es etwas, und das hatte mit dem Kelch zu tun! Hier gab es etwas, das man nicht rational
erklären konnte. Auch Hamid wurde unsicher.
Wir, besonders ich, mussten noch viel dazu lernen!
Dann sahen wir eine Staubwolke auf uns zukommen und hörten auch schließlich den Motor des offenen Fahrzeugs,
das mit hoher Geschwindigkeit auf uns zu hielt. Wir waren geschwind wieder hinter den Sandhaufen gerannt, als das Fahrzeug genau vor uns hielt und der Gnom ausstieg.
Er war allein, lehnte sich an die Motorhaube und hatte im Arm die Bergmann-Maschinenpistole, die er auf uns richtete.
„Wer hat das getan?“ fragte er und deutete auf die Kadaver.
„Es war Ihr Freund Lawrence!“ antwortete ich.
„Lawrence?“
„Ja, Lawrence! Er war mit einem Flugzeug hier und hat mir meinen Heiligen Gral gestohlen!“
„Pah! Dein Heiliger Gral...“ entgegnete er unwirsch ..."
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