Leseprobe
 

Der NEUE Roman von V. Sieben !

Pakt mit den Göttern
von V. Sieben
 

€ 18,95  – Preise inkl. MwSt., zzgl. Versand  

...

„Hinterher“, zischte Hausser und wies mit der Pistolenmündung Richtung Tür. Hastig stolperte ich hinter Paul her und überlegte fieberhaft, was ich tun sollte. Wer waren die überhaupt? Wer rennt in einer solchen Uniform herum? An Flucht war angesichts der Pistole, die auf meinen Rücken gerichtet war, nicht zu denken und so beschloß ich erst einmal abzuwarten und den Dingen ihren Lauf zu lassen.
Auf der Höhe meiner Wohnungstür hatte ich Paul eingeholt.
„Wie lange werde ich weg sein? Soll ich etwas mitnehmen?“, fragte ich arglos.
„Keine Fragen, einfach weitergehen“, flüsterte der Gruppenführer hinter mir und stieß mich bestimmt, aber nicht grob, vorwärts. Sekunden später standen wir auf dem nächtlichen Schulhof. Es war fürchterlich kalt und ein eisiger Wind strich durch die kahlen Eichen.
„Los weiter“, raunte Hausser. „Er soll sich doch nicht erkälten.“
Paul hastete schwer beladen weiter über den dunklen Hof bis zur verlassenen Straße, spähte angestrengt in beide Richtungen und winkte uns dann. Leise schlichen wir über das stark schadhafte Kopfsteinpflaster auf die andere Straßenseite. Nirgendwo war ein Auto zu sehen. Ich blickte die zwei fragend an, aber die kümmerten sich überhaupt nicht um mich, sondern schoben leise das völlig verrostete Tor zum Glaswerk auf. Mir dämmerte etwas.
„Waren Sie das mit dem Licht in der Neujahrsnacht?“, fragte ich neugierig.
„Das hat man gesehen?“, fragte Paul ungläubig zurück.
„Na ja, außer mir hat es sicher keiner bemerkt“, gab ich mit klappernden Zähnen zurück.
Wir gingen durch das Tor und schlichen über den nachtschwarzen, mit Unkraut überwucherten Werkshof genau in Richtung jener Baracke, die ich schon am Neujahrstag als mutmaßliche Quelle des geheimnisvollen Lichts identifiziert zu haben glaubte. Am Eingang des verfallenen Gebäudes ließ Paul eine kleine Lampe aufleuchten. Vorsichtig wichen wir dem schwarzen Loch im Fußboden aus und betraten das baufällige Innere. Paul leuchtete in eine Ecke am Boden – dort befand sich eine metallene Schachtabdeckung. Der Hauptsturmführer zog sie mit einer Hand auf und leuchtete mit der anderen in die Tiefe. Im schwachen Schein seiner Lampe konnte man eine rostige Eisenleiter erkennen. Paul schwang sich gewandt durch die Öffnung und begann schnell hinabzuklettern.
„Hinterher!“, befahl Hausser hinter mir.
Ohne lange nachzudenken, setzte ich einen Fuß auf die oberste Sprosse und begann langsam hinunterzusteigen. Ein abgestandener Geruch von Feuchtigkeit und Moder stieg mir in die Nase. Ich hielt die eiskalte Leiter fest und war nach wenigen Sekunden auf dem Fußboden angelangt, wo mich Paul bereits erwartete. Kurz darauf stand auch Hausser neben uns. Vorsichtig gingen wir ihm nach. Ich schaute noch einmal zur Decke und sah durch den Spalt hindurch einen einzigen, kalten Stern am Himmel leuchten. Hausser öffnete eine höllisch knarrende Tür, winkte uns eilig hindurch und warf sie hinter uns wieder ins Schloß. Nachtschwarze Finsternis umfing uns, ich wagte kaum zu atmen. Endlich leuchtete Pauls Taschenlampe wieder auf und ich erkannte so etwas wie einen ungewöhnlich geformten Metallstuhl inmitten eines Gewirrs von Kabeln.
„Setzen Sie sich“, hörte ich Hausser sagen. Gehorsam setzte ich mich auf den harten und kalten Stahl und das Licht verlosch wieder. Dann hörte ich, wie die beiden unweit neben mir ebenfalls Platz nahm. Lange Sekunden hindurch geschah überhaupt nichts, dann begann ich eine feine, dann stärker werdende Vibration wahrzunehmen. Der Boden erzitterte. Alles begann unmerklich zu schwingen, von irgendwoher erschien ein sanfter, bläulicher Schimmer. Ich begann unruhig auf meinem Sitz hin- und her zu rutschen.
„Sitzen Sie still“, mahnte Hausser streng.
Als das blaue Licht stärker wurde, wußte ich, daß es genau das Leuchten war, das ich in der Silvesternacht gesehen hatte. Ich versuchte irgendetwas in meiner Umgebung zu erkennen, aber die Lichtquelle war zu grell, leuchtete unstet und ließ scharfe Schatten entstehen. Es war unmöglich, in diesem Geflacker Einzelheiten zu erkennen. Ich sah ein Gewirr aus Stahl und Glas und dazwischen zwei dunkle Gestalten, die in dem Chaos aus bizarrem Licht zwischen seltsamen Apparaturen saßen und schwankten. Plötzlich schwoll der tiefe Ton zu einem dumpfen Dröhnen an, so daß die tiefen Frequenzen in die Magengrube fuhren. Dann brach das Geräusch ab und wich einer so vollendeten Stille, einem solchen akustischen Vakuum, daß ich vor Schreck die Augen schloß.
Als ich sie wieder öffnete, herrschte totale Finsternis. Diese absolute Schwärze gepaart mit der unheimlichen Lautlosigkeit erzeugte in mir ein entsetzliches Gefühl der Leere und Verlorenheit. Meine einzige Beruhigung war die Tatsache, daß meine beiden Entführer gerade dasselbe durchzumachen schienen. Was immer diese unheimliche Szenerie zu bedeuten hatte, man wollte mir sicher auf keinen Fall schaden. Ich atmete tief durch, setzte mich aufrecht und versuchte etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Vielleicht konnte ich mich ja aus diesem Kellerraum heraustasten, er war schließlich nicht sehr groß. Als ich mich inmitten der absoluten Lautlosigkeit so leise wie möglich zu erheben versuchte, erscholl plötzlich Haussers metallische Stimme laut wie ein Donnerhall:
„Bleiben Sie sitzen!“
Ich erstarrte und ließ mich auf den Sitz zurückplumpsen. Endlose Sekunden vergingen. Da plötzlich vermeinte ich etwas zu erkennen. In schemenhaftem Grau erahnte ich ein Stück der rauen Mauer, nahm wieder vage die seltsamen Maschinen um mich herum wahr und erkannte auch die Silhouetten von Hausser und Springer. Obwohl mich die beiden mit Waffengewalt fortgebracht hatten, freute es mich trotzdem, sie nach diesem unheimlichen Vorgang wiederzusehen. Vor allem Paul Springer schien mir ein äußerst sympathischer und umgänglicher Zeitgenosse zu sein, während Hausser mit seinem kühlen, rationalen und selbstsicheren Auftreten irgendwie doch beruhigend auf mich wirkte. Mit der ersten Wahrnehmung meiner Umgebung kehrte jetzt auch allmählich das Hören zurück. Ich vernahm zunächst leise Umgebungsgeräusche, dann unzweifelhaft Lärm irgendwo über uns. Man hatte doch wohl nicht etwa damit begonnen, mich zu suchen? Unsinn, den Gedanken verwarf ich gleich wieder. Erstens war ich erst seit ein paar Minuten weg und zweitens gab es im Moment niemanden, der mich vermissen würde. Sigrun würde sich frühestens am Nachmittag wundern, wo ich wohl abgeblieben sei. So lange mußte ich wohl noch warten.
Der dumpfe Lärm über uns schien langsam transparenter zu werden. Ich hörte ein Brummen, wie von einem Dieselmotor eines großen LKWs, dann vernahm ich verwundert ein rhythmisches Stampfen wie von großen Maschinen und – da war auch unzweifelhaft Stimmengewirr. Verstohlen sah ich zu Hausser hinüber, aber der schien sich nicht im Mindesten an dem Krach zu stören.
Vielleicht war ich im Dunkeln eingeschlafen oder die seltsame Finsternis hatte länger angedauert, als ich es einzuschätzen vermochte und es war draußen mittlerweile Tag geworden und irgendeine Firma war gerade dabei, das alte Glaswerk abzureißen. Genauso mußte es sein. Aber warum interessierte sich dann Hausser scheinbar nicht für den Lärm? Er mußte doch befürchten, daß jeden Augenblick Arbeiter hereinkommen konnten und uns entdeckten. Ganz zu schweigen von der geheimnisvollen Anlage und noch schlimmer – von den Uniformen! Was überhaupt sollte dieser Mummenschanz? Ein Klub der Unverbesserlichen? Mit dieser Kleidung konnte man nicht einen einzigen Schritt in die Öffentlichkeit wagen.
„Kommen Sie, es ist Zeit“, rief Hausser, stieg von seinem Sitz und strich mit den Händen die makellose Uniform glatt. Dann stieß schmunzelnd Paul zu uns.
„Na, Reise gut überstanden?“, grinste er mich breit an.
Reise? Was für Reise? Sicherheitshalber grinste ich halbherzig zurück. Hausser schritt zur Tür und zog sie langsam auf. Sie war unglaublich massiv und schwer gepanzert. War das in der Nacht auch schon so gewesen? Als wir hindurch gegangen waren, schob Hausser sie mit unglaublicher Kraftanstrengung wieder ins Schloß. Als er sie endlich zugedrückt hatte, hörte man tief im Inneren Stahlbolzen einrasten. Dann schloß die Tür mit dem Rahmen ab und war nicht mehr als Tür zu erkennen – weder eine Klinke noch ein Schloß waren zu sehen. Wie sie von hier aus wohl zu Öffnen war?
Dann sah ich mich um. Wir standen wieder im zweiten Kellerraum, von dem aus die Eisenleiter nach oben führte. Ich schaute zur Decke und erstarrte. Wo war der Riß, durch den ich beim Hereinkommen den Stern am Himmel gesehen hatte?
Die Decke war massiv und keineswegs morbide und brüchig. Sie war in einem für ein Abrißhaus beeindruckend guten Zustand, was auch für die Wände des kleinen Raumes zutraf. Auch der Modergeruch fehlte. Das mußte ein anderes Zimmer sein. Hatte die Kammer, aus der wir kamen, etwa einen zweiten Ausgang?

…

„Wollen Sie mir nicht endlich sagen, was das alles zu bedeuten hat?“, begann ich vorsichtig. Ich rechnete mit einer erneuten Abfuhr, aber statt dessen sahen sich Paul und Hausser unsicher an.
„Wir fahren noch etwa eine knappe Stunde.“, warf Paul schließlich ein. „Wir sollten ihn endlich einweihen.“
„Einweihen in was?“, fragte ich neugierig.
„Positiv!“, entgegnete Hausser knapp und ignorierte mich damit wie immer komplett. „Wir halten in der nächsten Stadt und dann erklären wir es ihm.“
„Na, da bin ich ja gespannt“, murmelte ich.
„Hoffentlich klappt alles. Scheint ja ein schlaues Bürschchen zu sein.“, meinte Paul ganz so, als ob ich gar nicht dabei wäre.
Ich verkniff mir eine bissige Bemerkung und schaute neugierig aus dem Fenster, weil wir gerade eben meine alte Heimatstadt erreicht hatten. Ich war hier vor 36 Jahren geboren worden und erst vor acht Jahren mit Sigrun in unser Dörfchen gezogen. Allein der Kosten wegen. Aber in meinem Herzen war ich doch immer mit meiner Geburtsstadt verbunden geblieben und ich hatte seit unserem Wegzug auch kaum einen Tag versäumt, dort irgendwelche Besorgungen zu machen. Am heutigen Tag allerdings erkannte ich sie kaum wieder.
Schon die alte Eisenbahnstrecke am Ortseingang sah ganz anders aus, weil mich die seltsamen Schienen eher an einen modernen Hochgeschwindigkeitszug erinnerten als an unsere rostige Werksbahn. Und von den elfgeschossigen Plattenbauten auf der rechten Seite war ebenfalls nicht das Geringste zu erkennen, stattdessen erstreckte sich dort ein kaum zu überblickender Industriekomplex. Das gesamte Stadtbild war völlig verändert. Schon nach wenigen hundert Metern hatte ich die Orientierung verloren. Zum Glück fuhr Paul den Wagen kurz hinter einer der zahlreichen Spreebrücken auf einen ruhigen, abgelegenen Parkplatz.
Wir stiegen die steinernen Stufen einer kleinen Treppe zum Flußufer hinunter, wo ein idyllischer Wanderweg entlang der Spree verlief. Wenige Meter weiter stießen wir auf eine kleine Bank mit gußeisernen Füßen. Direkt dahinter stand eine herrliche Trauerweide, die sich so weit über die Bank und den Weg neigte, daß ihre ausladenden, tiefhängenden Zweige die glitzernde Wasseroberfläche berührten. Dort blieben wir stehen.
„Setzen Sie sich!“, sagte Konrad Hausser befehlend und wies mit unbewegter Miene auf die Bank.
Paul nickte bekräftigend, als ob er sagen wollte, daß es besser wäre, bei den folgenden Worten zu sitzen. Ich ließ mich schwer auf die Sitzgelegenheit plumpsen, lehnte mich zurück und atmete tief durch. Die Kälte am Wasser ließ mich nun doch frösteln.
Paul und Hausser blieben stehen und sahen mich abschätzend an, als ob sie noch überlegen würden, wie viel Wahrheit ich wohl vertragen könnte. Paul wippte unruhig auf der Stelle, Konrad schritt fahrig auf und ab und fragte schließlich:
„Was wissen Sie über den Zweiten Weltkrieg?“
„Hm, ich kenne mich da ganz gut aus, Geschichte zählte zu meinen Lieblingsfächern. Und ich habe viele Bücher darüber gelesen. Auch über die Ursachen und den Verlauf.“
Hausser nickte gedankenverloren und sagte: „Wir haben auch Ihre Korrespondenz der letzten Zeit verfolgt. Sie sind ja nicht unbedingt ein Freund der herrschenden Ordnung, oder?“ Er sah mich prüfend an.
„Ach wissen Sie, uns geht's doch immer schlechter. Alles wird immer teurer, trotzdem bekommt man immer weniger Geld. Die EU bestimmt unsere Innenpolitik und die USA unsere Außenpolitik und das Volk wird für dumm verkauft. Es geht bergab, das ist nicht zu übersehen; aber die Wahrheit darf man nicht sagen. Ich bin da noch ein wenig altmodisch!“, sprudelte es aus mir heraus.
„Das wissen wir“, Paul lächelte unwillkürlich. „Das vereinfacht unsere Sache erheblich! Da haben wir richtig Glück gehabt.“
„Was für eine Sache? Wieso Glück?“, fragte ich verwirrt.
Hausser hob die Hand.
„Eins nach dem anderen. Was wissen Sie über Gaue?“
„Gaue?“ Ich überlegte kurz. „Gaue waren ursprünglich irgendwie Gebietseinteilungen bei den alten Germanen, oder? Das Dritten Reich war politisch in Gaue eingeteilt. Das waren so etwas ähnliches wie Verwaltungsbezirke.“
„Was wissen Sie noch? In welchem Gau sind wir hier?“
„Diese Stadt gehört zum Bundesland Brandenburg. Das war auch der Gau Brandenburg.“
„Mark Brandenburg! Der Gau MARK Brandenburg“, sage Hausser scharf und seufzte. „Das fängt ja gut an. Und wer war der letzte Gauleiter, von dem sie gehört haben?“
„Gauleiter? Keine Ahnung...“
„Oh je..." Hausser winkte ab. „Die Mark Brandenburg war damals noch gemeinsam mit Berlin eine Verwaltungseinheit. Mittlerweile allerdings nicht mehr, weil die Mark Brandenburg ein eigener Gau ist!“
„Mittlerweile? Ich dachte, Brandenburg ist jetzt kein Gau mehr, sondern ein Bundesland?“, fragte ich scheinheilig und sah erst jetzt das monumentale Denkmal eines Soldaten am anderen Spreeufer.
Hausser und Paul sahen sich verzweifelt an.
„Es hat keinen Sinn so weiterzumachen, wir müssen es ihm jetzt endlich sagen!“, warf Paul schließlich ein. Ich sah ihn gespannt an.
„Noch nicht!“ Hausser hob gebieterisch die Hand und wandte sich erneut an mich: „Vidar, was glauben Sie, geht hier vor?“ Er wies mit ausladender Geste über die Umgebung. „Es hat sich doch einiges verändert gegenüber der Welt, wie Sie sie kannten, oder?“
„Das kann man wohl sagen.“ Ich rutschte auf der Bank herum. „Die Fahnen, die Uniformen, die Häuser und Straßen, die Fabriken, die vielen Kinder, hm. Das ist jedenfalls nicht das Deutschland, das ich kenne.“
„Was glauben Sie denn, was es ist?“, fragte Hausser und sah mich forschend an.
„Na ja, es sieht fast so aus, als wenn ...“
„Als wenn was?“, feuerte mich Paul an.
„Als ob ...“, ich stockte wieder, aus Angst, mich zu blamieren.
„Na sagen Sie doch endlich, was Sie denken!“
„Es sieht aus wie im Dritten Reich!“
„Genau! Sehr gut erkannt!“, lachte Paul.
„Aber ich kann nicht im Dritten Reich sein!“
„Wieso denn nicht?“
„Na, weil es im Dritten Reich noch keine Bordcomputer, keine Digitaldisplays und auch keine so modernen Häuser gegeben hat!“
„Vidar, Sie haben da einen eklatanten Denkfehler in Ihren Überlegungen. Aber dazu später. Was sagen Sie denn nun eigentlich zu Ihrer Stadt? Gefällt Sie Ihnen so besser, oder fanden Sie es schöner, wie Sie sie in Erinnerung hatten?“ fragte Hausser lauernd.
Das war eine Fangfrage. Durfte man überhaupt sagen, daß es zumindest optisch ziemlich eindrucksvoll war? Machte ich mich strafbar, wenn mir meine Heimatstadt jetzt besser gefiel? War das alles eine gigantische Verschwörung um meine Gesinnung zu testen?
„Natürlich sieht so alles viel besser aus!“, sagte ich nach kurzem Überlegen zögernd.
„Würden Sie in einem solchen Deutschen Reich leben wollen?“
„Nun ja, ich habe ja bisher noch nicht viel gesehen. Aber wenn alles so ist?“
„Es ist alles so. Meist sogar schöner.“
„Keine Arbeitslosen?“
„Keine Arbeitslosen.“
„Luftangriffe? Krieg?“
Hausser schüttelte den Kopf.
„Also rein optisch ist es recht beeindruckend..."
„Hören Sie zu!“ Hausser räusperte sich. „Vergessen Sie alles, was Sie über die Geschichte des Deutschen Reiches gelesen haben oder was Sie darüber zu wissen glauben. Ab 1941. Ab dem Unternehmen Barbarossa. Was wissen Sie über das Unternehmen Barbarossa?“
„Nun, am 22. Juni 1941 erfolgte der Einmarsch deutscher Truppen in die Sowjetunion. Durch den Wintereinbruch im November kam die Vorwärtsbewegung zum Stoppen. Am 16. Dezember kam Befehl zum Halt, da lagen wir nur ein paar Kilometer vor Moskau ...“
„Ich sagte ja, vergessen Sie es. Das Unternehmen Barbarossa begann am 22. Mai 1941.“
„Nein, am 22. Juni!“, unterbrach ich ihn.
„Wollen Sie erzählen oder ich?“, donnerte Hausser. „Das Unternehmen Barbarossa begann am 22. Mai 1941. Wie geplant. Am 16. November fiel Moskau. Glücklicherweise kurz vor dem großen Wintereinbruch. Leider waren die Russen durch den Fall ihrer Hauptstadt nicht annähernd so demoralisiert, wie wir gehofft hatten, und so zog sich der Krieg noch lange Jahre hin.
Stalin war aus Moskau geflohen und überredete 1943 Roosevelt und Churchill nach dem Fall Leningrads zur Eröffnung einer zweiten Front. Er argumentierte, daß wir nach der endgültigen Niederlage der Sowjetunion genügend Truppen für eine Landung in England an die Westfront schicken könnten. Und so kam es zum Unternehmen „Overlord“. Völlig überstürzt landete ein riesiges Heer alliierter Truppen an der Atlantikküste.“
„Der D-Day?“
„Ja, die Landung in der Normandie. Als die Alliierten endlich ihre Flotte beisammen hatten, war die Sowjetunion schon am Boden. Nur noch zerstreute Restverbände mußten bekämpft werden. Mit einem Teil unserer Streitkräfte verjagten wir danach im Frühjahr 1944 die Briten aus Griechenland ...“
„Was? Aber der Balkanfeldzug war doch schon 1941? Unmittelbar vor dem Angriff auf die Sowjetunion!“
„Der dadurch um vier Wochen verzögert wurde vom 22. Mai auf den 22. Juni? Vier Wochen, die dann vor Moskau fehlten, als der Winter kam?“
„Genau, deswegen haben wir eigentlich den Krieg verloren! Weil wir Mussolini bei seinem Griechenland-Abenteuer 1941 zur Hilfe kommen mußten, das er sonst verloren hätte. Darum hat sich der Beginn des Russland-Feldzuges um genau vier Wochen verzögert!“
„Vier Wochen, die dann vor Moskau fehlten“, wiederholte Hausser und lächelte triumphierend. „Glücklicherweise konnten wir den Duce überreden, von seinem Griechenlandfeldzug abzusehen. Er fand nicht statt und deshalb konnte das Unternehmen Barbarossa pünktlich am 22. Mai 1941 beginnen. Moskau fiel noch im Winter. Im Frühjahr 1944 wurde der alliierte Angriff auf unsere Atlantikküste vernichtend zurückgeschlagen! Operation Overlord wurde für die Alliierten zum völligen Desaster. Sie wurden von unseren kampferfahrenen Truppen erwartet, die wir bereits aus dem am Boden liegenden Rußland abgezogen hatten. An einem einzigen Tag wurde fast die gesamte britische Armee eliminiert, die Landungsmannschaft geriet in Gefangenschaft oder wurde vernichtet!
Eine Woche später unterschrieb General Schukow die bedingungslose Kapitulation der Sowjetunion. Stalin mußte nach Washington fliehen. Weitere drei Wochen später war es dann soweit. In der Operation Seelöwe setzten Zehntausende Soldaten über den Kanal und besetzten England. Am 6. Juni 1944 fiel London und Churchill mußte die Kapitulationsurkunde unterzeichnen. Die Royals flohen nach Kanada.“
Ich lauschte mit angehaltenem Atem. „Und was geschah dann?“
„Wir errichteten im Ural eine Verteidigungslinie und bauten dort Wehrsiedlungen. Die USA hatte ihre Flotte und jeden Kampfeswillen verloren und nahmen unsere Bedingungen für einen Waffenstillstand an. Wir bekamen im Gegenzug Island und Grönland, die Japaner erhielten Hawaii und alle amerikanischen Besitzungen im Pazifik. Den Amerikanern wurde verboten, den Atlantik mit Kriegsschiffen zu befahren oder mit nichtzivilen Flugzeugen zu überfliegen. Dann unterzeichneten wir mit ihnen den Waffenstillstand. Wir trauten ihnen nicht und intensivierten unsere Forschung und Rüstung. Wir hatten jetzt schließlich unerschöpfliche Ressourcen, weil wir durch den Fall Frankreichs, Rußlands und Englands ja auch alle ihre ganzen Kolonien erhalten hatten. Deutsche Truppen standen nun in Bombay, in Kairo und in Rhodesien.
Am 6. Juni 1984, dem vierzigsten Jahrestags unseres Sieges im Zweiten Weltkrieg, überfielen die Amerikaner Japan, um die Vorherrschaft im Pazifik zurückzugewinnen. Gleichzeitig rückten sibirische Verbände in die Mandschurei ein und australische Truppen landeten in Indochina – der Dritte Weltkrieg hatte begonnen.
Das Großdeutsche Reich bemühte sich anfänglich um Neutralität, aber immer öfter hörte man von dem brutalen Vorgehen amerikanischer Truppen in den besetzten, japanischen Gebieten.
Wenig später landeten sibirische und amerikanische Verbände auf Hon-shu. Tokio kapitulierte, der Kaiser dankte ab und die Amerikaner setzten eine Pro-Alliierte Regierung ein. Der Pazifik war verloren. Die USA begannen wieder die Inseln in Besitz zu nehmen, besetzten mit den Australiern Indochina und standen an unserer Grenze zu Deutsch-Indien.“
„Kam es zum Kampf?“
„Ausgerechnet die Japaner erklärten uns schließlich den Krieg. Amerika begann sofort als deren Verbündeter den Angriff auf Deutsch-Indien. Uns blieb nur noch die Möglichkeit, einen jahrzehntelangen Weltkrieg zu verhindern.“
„Und was war das?“, fragte ich neugierig.
„Nun, deutsche Kernphysiker hatten inzwischen die Atombombe vollendet. Und die Nachfolger unserer V2-Raketen hatten die Reichweite von Interkontinentalraketen erlangt. Das alles hatten die Amerikaner nicht gewußt. Zunächst schossen wir auf unbewohnte Ziele, um die Zerstörungskraft unserer Waffen zu zeigen. Dann feuerten wir gezielt. Es waren nur zwei Angriffe nötig. Am 9. November 1985 kapitulierte die USA und die Wehrmacht zog als Schutztruppe in die Vereinigten Staaten ein. Bereits zu Weihnachten 1985 wehte unsere Fahne über dem Weißen Haus. Kurz darauf kapitulierten Tokio und Canberra. Die Welt war deutsch. Der Endsieg!“
„Unglaublich!“, flüsterte ich und sackte zusammen. Das mußte ich erst mal verarbeiten. Der „Endsieg“ war also Realität geworden. Aber das konnte doch unmöglich wahr sein...
„Aber wieso ist das bei mir daheim anders?“, fragte ich zweifelnd. „Gibt es denn zwei Realitäten?“.
„Dies, mein lieber Vidar, ist die Realität!“, sagte diesmal Paul und machte eine ausladende Geste. „Das andere Deutschland, Ihr Deutschland, ist ein Unfall, eine Manipulation!“
„Aber wieso gibt es denn überhaupt zwei Welten?“
„Jetzt haben Sie es ganz genau begriffen!“, sagte Hausser langsam und schaute mich mit interessierten Augen an. „Es gibt die schlechte Kopie, einen Witz, eine plumpe Geschichtsmanipulation. Das ist die Welt, in der Sie das Pech hatten, hineingeboren zu werden. Und es gibt die wahre, die echte Welt. Und die sehen Sie hier!“
„Woher wollen Sie wissen, daß diese hier die echte ist?“, fragte ich, immer noch skeptisch.
„Ganz einfach, weil sie eher da war! Aber das beweisen wir Ihnen noch früh genug. Sie werden staunen, das verspreche ich Ihnen!“
„Ich staune jetzt schon!“
„Das war noch gar nichts. Wir fahren jetzt mit Ihnen in die Hauptstadt.“
„Nach Berlin?“
„Den Namen Berlin gibt es nicht mehr. Berlin heißt jetzt Germania, seit fünfzig Jahren schon. Und Germania ist die Hauptstadt der Welt! Nein, Germania sehen wir uns später an. Wir fahren in die Hauptstadt der Mark Brandenburg.“
„Und welche ist das? Potsdam?“
„Cottbus.“
„Cottbus? Warum ausgerechnet Cottbus?“
„Weil Cottbus eine Führerstadt ist!“
„Der Führer! Um Himmelswillen, den hatte ich ja völlig vergessen. Der ist ja gar nicht ... ich meine 1945 ...“
„Nein, ist er nicht.“, entgegnete Hausser kühl.
„Aber gibt’s denn das? Der wäre ja, Moment 2011 minus 1889. 122 Jahre, nein. Das ist nicht möglich.“
„Adolf Hitler starb 1987. Unser jetziger Führer ist sein Sohn, Alois Hitler.“
„Adolf Hitler hat einen Sohn?“
„Zwei sogar. Nach dem Sieg im Zweiten Weltkrieg zog sich der Führer zurück, heiratete Eva Braun und 1948 wurde Alois Hitler geboren.“
„Alois. Er nannte ihn nach seinem Vater?“
„Und noch im hohen Alter, 1975, wurde dann sein zweiter Sohn geboren. Richard Hitler.“
„Richard Hitler? Richard? Wegen Richard Wagner? Aber wieso ist Cottbus Führerstadt?“
„Es gab fünf Führerstädte ...“
„Berlin, München, Hamburg, Nürnberg und Linz. Ich weiß.“, unterbrach ich ihn.
„Alois Hitler wurde in Cottbus geboren!“, rief Paul dazwischen. „Eva Braun war gerade auf einer Reise nach Dresden, als es Komplikationen gab. Sie kam sofort ins nächste Krankenhaus. Und das war in Cottbus. Sie mußte notoperiert werden, überstand die Geburt aber glücklich. Alois Hitler ist Cottbuser und deshalb wurde Cottbus vom Führer in den Rang einer Führerstadt erhoben!
Und weil sich in Germania als Welthauptstadt niemand mit der Provinzverwaltung befassen kann, hat er den Gau Mark Brandenburg abgetrennt und die Führerstadt Cottbus zu dessen Hauptstadt gemacht. Und dort fahren wir jetzt hin!“
„Und Richard Hitler? Was macht der jetzt? Wenn sein Bruder der Führer ist, was ist er dann?“
„Richard Hitler ist der Gauleiter der Mark Brandenburg!“
„Oh. Und da fahren wir hin? Werden wir ihn sehen?“
„Wohl kaum.“
„Sieht er dem Führer ähnlich?“
„DEM Führer?“, fragte Hausser streng.
Ich nickte.
„Wenig. Ihre Ähnlichkeit ist mehr ... seelischer Natur. Er ist ziemlich intelligent. Ein Stratege.“
Ich begann fieberhaft nachzudenken. Das war ja alles hochinteressant und spannend – aber was hatte das Ganze mit mir zu tun? Warum haben mich diese beiden hierher geholt? Das war doch bestimmt sehr aufwendig? Allein schon die ganze Überwachung zuvor. Welches war der tatsächliche Grund?
„Konrad Hausser? Sie sind doch Gruppenführer?“, begann ich vorsichtig.
„Exakt.“
„Das ist ein recht hoher Rang, wenn ich mich recht erinnere.“
„Ich tue, was ich kann.“
„Und Paul Springer? Hauptsturmführer? Auch nicht unbedeutend, oder?“
„Wie man’s nimmt, ich bin zufrieden“, entgegnete der Angesprochene.
„Nun“, fuhr ich behutsam fort. „Was ist denn an mir, der ich doch von ganz woanders herkomme und überhaupt nichts mit dieser Welt zu tun habe, so interessant, daß sich ein Gruppenführer und ein Hauptsturmführer bis zu mir durchschlagen, mich tagelang unter miesen Bedingungen überwachen, sogar meine Mülltonne stehlen und mich dann auch noch spazierenfahren? Warum bin ich so wichtig, warum haben Sie mich mitgenommen?“
„Der Grund war ein Befehl des Reichsführers!“
„Des Reichsführers? Oh Gott, was will der Reichsführer von mir? Das ist doch ein Witz!“
„Kein Witz!“, entgegnete Paul sehr ernst. „Die Sache ist, nun, etwas delikat. Wo fang ich an?“
Hilfesuchend wandte er sich an Hausser.
„Sie wissen nun, daß es zwei Welten gibt. Eine mit dem Großdeutschen Reich – und eine Kopie dieser Welt, in der die Alliierten den Sieg errungen haben.“
„Genau“, nickte ich.
„Nun“, fuhr Hausser fort. „Ist Ihnen aufgefallen, daß es, obwohl es zwei Welten gibt, trotzdem in beiden ein- und dieselbe Person geben kann?“
Ich überlegte angestrengt. „Wie meinen Sie das?“
„Es gab bei uns Adolf Hitler, und es gab auch bei Ihnen Adolf Hitler, nicht wahr?“
„Stimmt!“, grübelte ich.
„Und es gab sowohl bei Ihnen als auch bei uns eine Eva Braun. Und einen General Schukow.“
„Schukow? Ach so, der hat 1945 Berlin eingenommen.“
„Unsinn“, schnaubte Hausser verächtlich, „der hat die Kapitulation der Roten Armee unterzeichnet.“
„Wie auch immer ...“

…

Kurze Zeit später rasten wir über die Reichsstraße Richtung Cottbus. Ich hatte es aufgegeben, Fragen zu stellen. Vor uns tauchte eine Autobahnbrücke auf. Germania und Breslau stand an den Schildern bei den Auffahrten. Wenig später erste Vororte. Die mir bekannten Dörfchen schienen alle geschluckt worden zu sein. Cottbus schien das Mehrfache seiner ursprünglichen Ausdehnung zu haben. Dann passierten wir das Ortsschild mit der Aufschrift „Führerstadt Cottbus“.
Wir bogen auf eine sechsspurige Stadtautobahn. Eine gläserne S-Bahn fuhr weit über uns in Richtung Fußballstadion.
Der historische Altstadtkern schien wenig verändert, nur die Straßen waren neu und die Gebäude schienen allesamt höchst aufwendig restauriert worden zu sein. Mir gingen die Augen über bei diesem Anblick.
„Woher kommt das Geld für das alles? Aus den Kolonien?“
Paul drehte sich kurz um.
„Unsinn. Die kosten mehr, als sie einbringen. Außerdem sind das keine Kolonien. Wir sind keine Kapitalisten. Wir leisten Entwicklungshilfe. Sie sollten Afrika mal sehen! Woran denken Sie, wenn Sie Afrika hören?“
„Afrika? Da denke ich an Hungersnöte, Bürgerkrieg und Krankheiten“, sagte ich.
„Manche Gegenden in Afrika sieht heute besser aus, als das Dorf, aus dem wir Sie geholt haben!“
Ich starrte ihn ungläubig an. „Aber woher kommt das Geld?“
„Für Wirtschaftsfragen ist jetzt keine Zeit. Das erklären wir Ihnen später. Wir sind gleich da!“, rief Hausser.
„Später? Wann denn? Ich muß irgendwann ja auch mal wieder zurück! Meine Frau kommt bald nach Hause!“, rief ich empört.
Paul warf mir einen seltsamen Blick zu, sagte aber nichts.
Als wir in eine weitere Prachtstraße einbogen, ließ sich Hausser vernehmen:
“Sehen Sie dort vorn?“
Weit vor uns tauchte ein unwirklicher Riesenbau auf, der, obwohl er noch Kilometer entfernt war, die großen Villen und Kaufhäuser bei weitem überragte.
„Das ist die Residenz von Richard Hitler, dem Gauleiter der Mark Brandenburg.“
Das Gebäude war gigantisch und erinnerte an eine Mischung aus Reichskanzlei und Akropolis.
„Wir nehmen einen Hintereingang“, bemerkte Paul und umfuhr das riesige Regierungsareal weiträumig. Kurz vor der Einfahrt zum Hof hinter dem linken Gebäudeflügels passierten wir einen Posten. Zwei Uniformierte salutierten mit knallenden Absätzen. Mir wurde wieder bewußt, mit welch hochrangigen Begleitern ich unterwegs war.
Der saubere, graue Betonhof an diesem Gebäudeteil war menschenleer. Wir stiegen an einem kleinen Nebeneingang aus. Ich mußte den Kopf weit in den Nacken legen, um an den massiven Säulen entlang bis zum Dach hinaufblicken zu können und konnte von hier aus kaum bis ans andere Ende des Gebäudes sehen, so riesig war diese Residenz.
Hausser schloß eine unauffällige Tür auf und ließ uns ein. Über eine schmale, schmucklose Treppe gelangten wir in ein opulent eingerichtetes Büro, das die Ausmaße eines kleinen Festsaales hatte.
„Dies ist mein Amtszimmer, hier finden Sie mich üblicherweise“, sagte er und ließ sich auf einem thronähnlichen Sitz hinter dem imposanten Schreibtisch nieder. „Setzen Sie sich!“
„Was ist das nur für ein Palast!“, staunte ich. „Der ist eines Kaiser würdig!“
„Oder eines Führers“, bemerkte Konrad Hausser. „Hier lebt und regiert immerhin Richard Hitler, der leibliche Sohn des Führers, Gauleiter der Mark Brandenburg und später einmal vielleicht selbst Führer. Sein Bruder Alois ist immerhin schon 63 und hat keine Nachkommen. Richard ist noch jung! – Ihnen gefällt die Residenz?“
„Klar. Sie ist wirklich unfaßbar riesig. Sehr beeindruckend!“, sprudelte ich hervor.
„Nun, Vidar. Wir hatten uns doch vorhin darüber unterhalten, daß jede Person in BEIDEN Welten vorkommt.“
„Stimmt, und weiter?“
„Nun, in Ihrer Welt sind Sie Vidar aus einem kleinen, schmutzigen brandenburger Dorf. Sie sind ein biederer Kleinunternehmer und rühriger Ehemann. Aber es gibt Sie auch in dieser Welt, wie jeden anderen auch. Wissen Sie, wer Sie in dieser Welt sind?“
Ich schüttelte den Kopf und schluckte.
„Sie sind Richard Hitler, der Sohn des Führers persönlich!“

...

Wir bogen um eine Ecke.
„Jetzt beginnt der zweite Teil deiner Feuertaufe“, raunte Paul mir zu. Wir stolzierten gemessen durch einen langen Korridor, der dicke Teppich dämpfte unsere Schritte. Unmittelbar vor uns trat eine junge Sekretärin mit dicker Brille und einem Stapel Akten in den Händen aus einer Seitentür und wäre fast mit uns zusammengestoßen.
„Herr Gauleiter“, quiekte sie und schien über alle Maßen beglückt zu sein. Ich grüßte höflich, dann sahen Paul und ich uns zufrieden an. Nur wenige Sekunden später kam uns ein Offizier entgegen.
„Heil Hitler, Herr Gauleiter! Freut mich, Sie gesund zu sehen!“, rief er und sah aufrichtig begeistert aus. Richard Hitler war eindeutig ein beliebter Mann.
Paul schien absichtlich den Weg durch die belebtesten Korridore gewählt zu haben. Immer mehr Menschen begegneten uns, grüßten freudig und stürzten hinter uns schnatternd in ihre Büros zurück. Die Nachricht von der plötzlichen Genesung des Chefs schien sich in Windeseile zu verbreiten. Als wir schließlich nach schier endlosen Gängen und Treppen vor Haussers Büro standen, schien Paul äußerst befriedigt zu sein.
Hausser sah mißmutig von seinem Aktenstapel auf.
„Sie sind spät dran“, sagte er langsam. Irgendwie erinnerte er mich in diesem Moment an eine riesige Schildkröte.
„Entschuldigung, ich bin aufgehalten worden!“, gab ich lächelnd zurück.
Hausser winkte ab. „Sie sind der Gauleiter.“ Dann schien er sich wieder in seine Akten vertiefen zu wollen.
„Was ist mit meiner Frau? Meiner richtigen Frau, meine ich! Wann bekommt sie Bescheid?“, fragte ich.
„Sie hat bereits Bescheid bekommen. Ich habe sie heute früh angerufen.“ Hausser lehnte sich selbstzufrieden zurück.
„Sie haben was? Sie haben Sie angerufen? Man kann in diese ... in meine Welt ... von hier aus telefonieren?“
„Natürlich nicht!“ Hausser schüttelte ärgerlich den Kopf. „Ich bin heute früh mit Hauptsturmführer Springer in ihr Heimatdorf gefahren, mit der Dimensionsmaschine in Ihre Welt gewechselt und habe Ihre Frau danach angerufen, um ihr die vereinbarte Geschichte zu erzählen.“
„Die mit Amerika und dem Erbe?“
„Natürlich die.“
„Und? Hat Sie Ihnen geglaubt?“
„Selbstverständlich hat sie mir geglaubt!“, entgegnete Hausser entrüstet. „Ich habe mich als Ihr Notar ausgegeben und ihr erklärt, daß sie in den nächsten Tagen einen handschriftlichen Bescheid von Ihnen erhält. Das hat sie beruhigt.“
„Kann ich sie nicht einfach anrufen?“
„Negativ. Dann müßten wir mit Ihnen extra noch mal zurück. Das halte ich für keine gute Idee.“
„Also soll ich ihr schreiben?“
„Ich bitte darum. Am besten heute. Am besten sogar sofort, damit es Frau Hitler nicht bemerkt.“
Das war das Stichwort. „Wann gedachten Sie mich eigentlich darüber zu informieren, daß ich den Ehemann spielen muß?“
„Bitte“, warf Paul unruhig ein. „Das hatten wir doch geklärt. Und besonders unglücklich hast du, … ich meine natürlich, haben Sie ja auch nicht gerade gewirkt“, fügte er mit Unschuldsmiene hinzu.
Ich zog es vor zu schweigen.
„Kommen wir damit zum heutigen Plan. Herr Hitler, Sie werden jetzt einen kurzen Brief an Ihre Frau schreiben und mir geben. Ich werde Ihnen derweil einen guten, deutschen Kaffee bringen lassen. Kaffee aus dem Reichsgau Amazonas. Um halb zwölf gehen wir zusammen in den „Memelkeller“ zum Mittagessen, dort werde ich Sie mit einer wichtigen Persönlichkeit bekannt machen: mit Major Gunther Kreitz. Kreitz ist Leiter des Reichssicherheitsdienstes im Reichsprotektorat Ostküste.“
„In den USA?“
„Die USA gibt es nicht mehr. Nordamerika besteht aus einer Reihe von Reichsprotektoraten, die unter der Leitung von deutschen Spezialisten von Ortsansässigen germanischer Abstammung selbstverwaltet werden. Major Kreitz obliegt hierbei die Sicherheit.“
„Und weshalb ist er so wichtig für mich?“
„Das werden Sie noch heute erfahren. Nach dem Essen mit Major Kreitz, der übrigens ein Duzfreund von Ihnen ist“, Hausser hob den Zeigefinger, „werde ich Ihnen im Konferenzraum nebenan eine interessante Filmaufzeichnung vorführen.“
„Einen Film?“, fragte ich neugierig.
Hausser nickte. „Die Aufnahme stammt von 1944. Wenn Sie den Streifen gesehen haben, werden Sie verstehen, wie wir darauf gekommen sind, daß es neben dem Großdeutschen Weltreich noch eine weitere, sehr groteske Variante dieser Welt geben muß: Ihre Welt nämlich. Lassen Sie sich überraschen.“
Jetzt war ich neugierig! Was würde ich da zu sehen bekommen? Doch Hausser bat mich zunächst an einen Seitentisch, auf dem ein Blatt Papier und ein Stift lagen und entschuldigte sich.
„Vergessen Sie nicht, mein Telefonat, den Schmuck und das Geld zu erwähnen. Sagen wir fünf Millionen Dollar. Das schicken wir gleich mit“, sagte er und verließ mit Paul den Raum. Dann war ich allein.
Ich setzte mich, rückte den Stuhl zurecht und versuchte meine Gedanken zu ordnen. Wie sollte ich den Brief an Sigrun nur beginnen? Mich plagte ein schrecklich schlechtes Gewissen wegen letzter Nacht, aber wie hätte ich mich aus der delikaten Situation herauswinden sollen? Wie hatte Hausser gesagt?
„Sie sind Deutscher, sie befinden sich auf dem Territorium des Großdeutschen Reiches und unterliegen damit deutscher Gesetzgebung. Ich bin Ihnen gegenüber also weisungsbefugt. Und als solches geben ich Ihnen die Anweisung, hier zu bleiben, solange, wie wir es für erforderlich halten und unsere Befehle zu befolgen!“
Ich hatte nur das Beste für mein Land gegeben, versuchte ich mich halbwegs zu beruhigen. Da müssen persönliche Interessen schon mal hinten anstehen. Aber hatte ich Sigrun überhaupt betrogen? Eigentlich hatte ich zu keiner Zeit ein ungutes Gefühl dabei gehabt. Eigentlich erst jetzt – danach. Diese Frau oben in meiner Wohnung, das WAR eindeutig Sigrun, sogar dieser winzige, süße Leberfleck auf ihrer linken Brust war vorhanden. Sie waren absolut identisch.

…

Paul dunkelte die Fenster ab, während Hausser die Rolle mit dem Schmalfilm auf dem Vorführgerät befestigte.
„Die Aufnahme stammt vom Mai 1944. Kurz vor Beginn der alliierten Invasion in der Normandie. Sie zeigt unseren Führer während der Feierlichkeiten zur Fertigstellung einer Rüstungsfabrik in Stettin“, erklärte Hausser. Dann begann sich die altertümliche Filmrolle zu drehen und der Film lief knatternd an. Zunächst huschte nur ein schwarzweißes Geflacker des Vorspanns über die Leinwand, dann sahen wir erste farbige Bilder.
„Die Aufnahmen wurden ursprünglich für die Wochenschau gemacht.“
Ich sah einen Festsaal mit Bankett, der Raum war von einem riesigen Kronleuchter erhellt. Viele Männer in Uniformen standen um einen Tisch und prosteten sich zu. Dann zeigte das Bild Adolf Hitler, wie er lachend Nettigkeiten mit einem korpulenten Zwickelträger austauschte. Leider war die Aufnahme ohne Ton, ich vernahm nur das trockene Rasseln des Filmvorführapparates.
„Der Dicke dort neben dem Führer, das ist Reinhold Schmidt, der Besitzer des Rüstungswerks, das dort gerade eröffnet wurde. Sehen Sie die beiden Offiziere hinter dem Führer?“
Die Kamera fuhr zurück und lieferte eine Totale der ganzen Szenerie. Deutlich sah ich Schmidt und den Führer und hinter letzterem die beiden Offiziere, die sich die ganze Zeit über aufmerksam umsahen. Sicher seine Leibwache. Im Hintergrund erkannte man undeutlich die Festtafel.
„Sehen Sie die Tür dort ganz hinten an der Wand?“
Ich kniff die Augen zusammen und erblickte an der im dunklen Hintergrund befindlichen Wand zentral einen hohen Eingang mit einem livrierten Angestellten davor.
„Ich sehe die Tür. Was ist damit?“
„Es ist der einzige Eingang! Mehr Türen hat der Raum nicht,“ rief Hausser. „Und jetzt passen Sie gut auf!“
Ich konzentrierte mich auf das Geschehen. Ein paar Sekunden lang geschah nichts besonderes. Dann plötzlich ... Die Männer am Tisch gerieten in Bewegung, sie zeigten aufgeregt in den linken, hinteren Teil des Saales, der im Bild nicht zu sehen war. Der Führer duckte sich erschrocken, seine Leibwachen stellten sich sofort vor ihn und begannen mit blitzschnell gezückten Pistolen auf ein für den Betrachter unsichtbares Ziel zu feuern. Jetzt erst bemerkte es auch der Mann von der Wochenschau und schwenkte seine Kamera nach links. Ich sah eine Person in heller Uniform mit merkwürdig rundem Stahlhelm, der einen Karabiner im Anschlag hielt und im Begriff war, auf den Führer zu schießen. Er feuerte eine ganze Salve ab, verletzte aber nur einen der Leibwächter und schien in der Eile sein eigentliches Ziel zu verfehlen. Auch er selbst wurde von Pistolenkugeln in die Brust getroffen, er schien aber eine schußsichere Weste zu tragen. Als er sein Magazin leergeschossen hatte, sprang er auf und rannte nach rechts aus dem Bild. Eine Art grüner Nebel war zu sehen. Einige Männer husteten.
Die Kamera schwenkte hinterher, aber die Zimmerecke schien bis auf die Rauchschwaden leer zu sein. Im Saal herrschte größtes Durcheinander. Wohin war der Attentäter verschwunden? Mehrere Personen schienen sich um den angeschossenen Mann zu kümmern, während der andere Leibwächter versuchte, den Führer aus dem Saal zu schaffen.
Die ganze Szene hatte kaum zehn Sekunden gedauert, da passierte ein erneuter Zwischenfall! Wieder peitschten Gewehrschüsse und genau der selbe Attentäter tauchte erneut auf, schoß im Durcheinander abermals vorbei, stürmte wieder von der linken in die rechte Saalecke und verschwand erneut in einer Rauchwolke.
„Aber wie ist das möglich?“, fragte ich erstaunt und blickte auf.
„Warten Sie!“ Hausser hob die Hand. „Es ist noch nicht vorbei.“
Und er hatte recht. Nur einen Augenblick, nachdem der Unbekannte am rechten Bildrand verschwunden war, rannte er schon wieder wild um sich schießend von links in das Bild. Doch diesmal hatte er Pech. Der übriggebliebene Leibwächter stürzte sich augenblicklich auf den Angreifer, drückte mit der linken Hand den Gewehrlauf nach unten und schlug ihm mit der rechten Faust ins Gesicht. Der Attentäter flog zurück, wehrte sich heftig und bekam einen erneuten Faustschlag ab. Er stürzte zu Boden und einen Augenblick lang glaubte ich, daß ein glänzender Gegenstand aus seiner Brusttasche gerutscht und zu Boden gefallen war.
In diesem Moment bekam die Kamera leider einen Schlag ab und schwenkte kurz zur Decke. Als sie wieder auf die bizarre Szenerie gerichtet war, kniete der Leibwächter allein in einer grünen Rauchwolke am Boden. Er und die ganze Versammlung starrten fassungslos in die Leere. Dann schien er etwas auf dem Fußboden zu bemerken und streckte die Hand aus, um es aufzuheben.
Im selben Augenblick glaubte ich meinen Augen nicht zu trauen. Urplötzlich, wie aus dem Nichts, erschien blitzartig der Attentäter vor ihm und versuchte ihm den Gegenstand zu entreißen. Der Offizier wehrte sich verzweifelt, endlich lösten sich auch einige der Umherstehenden aus der Erstarrung und eilten ihm zur Hilfe. Sofort verschwand der Angreifer genauso plötzlich, wie er gekommen war. Nur eine Sekunde später aber stürmte er schon wieder von links in das Bild. Waffen wurden gezogen, Schüsse peitschten, das Bild erlosch.
Paul zog die Vorhänge wieder auf.
Hausser setzte sich zu mir. „Faszinierend, nicht wahr? Leider wurde in diesem Moment die Kamera getroffen.“
„Was war das?“, fragte ich entsetzt. „Wie konnte der so schnell immer wieder verschwinden? Und wiederkommen?“
„Ja, das grenzt fast schon an Zauberei, nicht wahr? Löst sich buchstäblich in Rauch auf, dieser Kerl. Er tauchte übrigens noch vier weitere Male auf, immer nach wenigen Sekunden. Erst, nachdem der Saal geräumt und dieser Gegenstand, den er wollte, nach draußen gebracht wurde, hörte es auf.“
„Aber was war das für ein Gegenstand? Dieses kleine Ding, das ihm beim dritten Mal aus der Tasche gefallen ist?“
„Sie haben eine ausgezeichnete Beobachtungsgabe!“, lobte der Gruppenführer. „Aber ich fasse noch einmal zusammen, denn das ist wichtig! Diese Person erschien quasi aus der Luft in der linken Saalecke, in der sich weder eine Tür, noch ein Fenster befand, und begann sofort mit einem Karabiner auf den Führer zu feuern. Glücklicherweise reagierte einer der beiden Leibwächter geistesgegenwärtig und wurde dabei schwer verletzt. Als der Attentäter sein Magazin leer gefeuert und trotzdem sein Ziel verfehlt hatte, rannte er in die rechte Saalecke und verschwand dort genauso überraschend, wie er wenige Sekunden zuvor erschienen war. Die selbe Szene wiederholte sich ein paar Sekunden darauf noch einmal. Wieder verschwand der Unbekannte wie von Geisterhand.
Nur Augenblicke später tauchte er ein weiteres Mal wieder von links auf und wollte nun aus nächster Nähe noch einmal feuern, wurde dabei aber von dem tapferen zweiten Leibwächter niedergeschlagen. Dabei verlor er einen Gegenstand. Er tauchte anschließend noch mehrmals auf, dann allerdings wollte er primär seinen verlorenen Gegenstand zurückhaben. Auf den Führer feuerte er nicht mehr. Und immer, wenn er verschwand, hinterließ er eine dichte Wolke grünen Rauchs. Der stark nach Schwefel roch. Wie der Teufel im Märchen.
Was wir nicht mehr gesehen haben: Als der Saal geräumt und der Führer in Sicherheit gebracht worden war, erschien der seltsame Unbekannte noch ein weiteres Mal kurz in dem leeren Saal. Ein Angestellter sah ihn den Kopf aus der Saaltür stecken, er schien sich vergewissern zu wollen, daß sein Gegenstand wirklich weg war. Erst, als er die Größe der Anlage und die vielen Wachen sah, gab er auf und kam nicht wieder.“
„Was war das für ein Gegenstand, der für ihn so wichtig war?“
„Es war ein kleines, viereckiges Stück Plastik mit einem Mikrochip darauf. Heute würden Sie sagen, daß es so etwas wie eine ID-Card war.“
„Aber Herr Gruppenführer! 1944 gab es noch keine Mikrochips!“
„Das wissen wir.“ Hausser rümpfte die Nase. „Viele Jahre lang hat man die Karte untersucht, ohne darauf zu kommen, was es damit auf sich haben könnte. Erst in den Siebzigern, mit dem Fortschreiten unserer Computertechnologien, haben wir entdeckt, daß diese Karte gespeicherte Informationen enthält! Endlich konnten wir sehen, warum diese Karte für den Besitzer so wichtig war!“
„Und weshalb war sie denn so wichtig? Was enthielt der Chip denn nun?“, rief ich ungeduldig.
Hausser lehnte sich zurück. „Er enthielt zunächst einmal die persönlichen Daten des Angreifers. Er war ein amerikanischer Soldat einer Spezialeinheit. So etwas Ähnliches hatten wir uns ja schon gedacht. Ausgestellt war die Karte für Camp Hero, einem wie es schien, geheimen Forschungslabor der Amerikaner in Long Island.“
„Camp Hero? Long Island? Dort, wo Sie übermorgen hinfliegen? Hat Ihre Reise etwas damit zu tun?“
Hausser nickte. „Aber warten Sie, das Beste habe ich Ihnen ja noch gar nicht erzählt. Ich hatte Ihnen doch anfangs berichtet, von wann die Filmaufnahmen stammen, wann also die Karte in unsere Hände gefallen ist, oder?“
„Klar“, entgegnete ich. „Im Mai 1944.“
„Genau! Nun, die Karte war auf ein bestimmtes Datum ausgestellt. Wissen Sie in welchem Jahr? Camp Hero 1983!“

 

zurück zu: Startseite
              

Startseite
Politik/Geschichte
Wichtige Romane
Verschwörung
Esoterik/Allgemeines
Versandkosten
Impressum/Kontakt
Lieferhinweise