Leseprobe


Wird es so sein ?

Das Regime

Roman von Oliver Jung

ISBN 3-00-015370-5   –  € 14,85 –  Preise inkl. MwSt., zzgl. Versand  

Ein normaler Morgen
Ein milder Wintermorgen im Januar. Der Schnee vom Dezember war schon lange geschmolzen, die Straßen von Matsch, Dreck und Unmengen Streugut bedeckt. Man hat eben jeden Tag, an dem Schnee lag, Salz und Kies auf die Gehwege und Straßen geknallt, ohne zu berücksichtigen, daß  schon gestreut war.
“Seid froh, daß wir es überhaupt machen!”, bekommen die zu hören, welche es wagen, sich bei der Stadtverwaltung über die Situation zu beschweren.
Für Elmar Irminsul war dies das erste Mal, daß er nachgefragt hat. Sonst findet er sich immer mit der Situation ab, wie sie eben ist – so hat man es ihn immer gelehrt. Eigentlich kennt er seine Stadt gar nicht anders, als in diesem Zustand. Die dreckigen Straßen und die zerstörten Stadtviertel stören ihn nicht, er kann sich ja nicht mal richtig erinnern, wie es in Ulm vor dem großen Krieg ausgesehen hatte. Er weiß eigentlich überhaupt nichts mehr über die Zeit “davor”. Und man denkt auch nicht darüber nach.
Im Fernsehen zeigen sie einem zwar immer nur blütenweiße Städte und herrliche Landschaften, doch in Wirklichkeit ist alles dunkel, dreckig und verwahrlost. Selbst nach 13 Jahren gibt es in einigen Teilen der Großstädte noch Ruinen, leerstehende und vom Einsturz bedrohte Gebäude.
Elmar liegt gerade auf seiner Matratze und kratzt sich am Kopf. Er hat das große Glück in einem sehr alten Gebäude zu wohnen, welches im Krieg nur wenig Schaden genommen hatte. Nun ja, “Glück” ist übertrieben – der Wohnkomfort lässt doch sehr zu wünschen übrig. Vor dem Krieg hätte man seine Behausung als “Loch” bezeichnet.
Zugig und kalt, eine aktive Heizung käme einem Weihnachtsgeschenk gleich – wenn es Weihnachten noch geben würde. Doch Elmar gefällt sein Domizil – ganz einfach darum, weil es ihm zu gefallen hat! Das einzige Leiden, das Elmar heute morgen plagt, ist die Tatsache, daß ihm mit 35 Jahren schon die Haare grau werden und seine milchige Haut nur so an den Knochen klebt. Und es nervt ihn natürlich, daß er bald zu seiner “heiß geliebten” Arbeit darf. Noch ein paar Minuten und er muß los zum “Bürgerkontrolldienst”, dem BKD.
In der Kontrollzentrale Ulm/Neu Ulm, seinem Arbeitsplatz, gibt es drei Hauptabteilungen: Audiovisuelle Kontrolle, Datenkontrolle und Sicherheitsdienst. Elmar ist von Beruf “Controller” in der Abteilung “Audiovisuelle Kontrolle”. Jede dieser Abteilungen ist wiederum in verschiedene Untergruppen unterteilt. Heute hat er Dienst in der Gruppe “Privathaushalte”. Daneben gibt es zum Beispiel noch “Straßen und Plätze” und “öffentliche Gebäude”. Überall an diesen Orten sind Kameras installiert. Und wenn irgendwo etwas ungewöhnliches passiert, müssen Leute wie Elmar ran. Die einzelnen Haushalte, Plätze und Gebäude der Stadt sind logischerweise wieder in die verschiedenen Stadtviertel unterteilt. Das schafft zwar eine Unmenge Bürokratie, doch es führt zu einer klar strukturierten Ordnung in einem lückenlos ineinandergreifendem Netzwerk der Überwachung.
Elmar fischt müde nach dem Zettel am Fuß der Matratze, seinem Dienstplan. Mal sehen, welcher tolle Stadtteil ihm denn heute zugeteilt worden ist.
“Viertel 11”, murmelt er halb gähnend. Dies bedeutet, daß er nicht viel zu tun hat, denn dieses Viertel gilt als sehr “gesittet”.
Die Hochleistungsrechner des BKD erledigen den Großteil der Arbeit und er als Mensch wird wahrscheinlich wieder mal nur vor schwarzen Bildschirmen sitzen. Da in einem Stadtteil natürlich Tausende von Wohnungen mit Kameras sind, kann selbstverständlich nicht jede Einzelne ständig von einem “Controller” überwacht werden. Darum lässt man sämtliche Bilder zuerst durch den Zentralrechner laufen, der sie analysiert. Erst, wenn dieser etwas ungewöhnliches bemerkt, wird das jeweilige Bild zu einem der Überwacher geleitet.
Aber wenn sich Elmar jetzt nicht bald fertig macht, gibt es Ärger. Denn auch ein Mitarbeiter des Kontrolldienstes darf nicht unkontrolliert wohnen. Auch in seiner “Luxusvilla” sitzt eine Überwachungsanlage, bestehend aus einer Kamera, Fernseher, Mikrofon, Lautsprecher und einem Minicomputer, welcher das Zusammenspiel dieser Komponenten steuert und mit dem BKD vernetzt ist. Missmutig blickt er zu der kleinen Linse an der Decke, die ihn drohend zu mustern scheint. Sie ist stets mit dem Großrechner im Kontrollzentrum verbunden. Noch sieben Minuten, dann würde dieser melden, daß Einwohner Nummer 48759 nicht rechtzeitig zur Arbeit erscheinen wird und seine Freizeit um fünf Minuten überschritten hat.
Zunächst einmal würde nichts Schlimmes passieren. Er bekäme wohl vom Computer nur eine dieser liebenswürdigen Standardmitteilungen:
“Sie kommen zu spät zur Arbeit! Es wird ihnen ein Strafpunkt in ihrer Akte eingetragen! Verlassen Sie umgehend ihre Wohnung!”
So oder ähnlich klingt das immer. Wenn er sich dann nicht unverzüglich auf den Weg machen würde, könnte er sicher sein, daß die Jungs vom “Sicherheitsdienst” keine Viertelstunde später bei ihm wären, um ihn abzuholen und ins “Umerziehungslager” zu stecken. Dorthin käme er auch bei 33 Strafpunkten in seiner Akte.
Diese Lager werden auch schlichtweg als UEL bezeichnet. Man kann sie sich so ähnlich wie ein Hochsicherheitsgefängnis vorstellen. Im Unterhaltungsprogramm, welches die Wärter für jeden Häftling mit viel Liebe ausgearbeitet haben, ist immer auch eine gratis Gehirnwäsche inbegriffen! So soll ungehorsamen Staatsbürgern, sprich Menschen, welche einmal gegen ein kleines Gesetzchen verstoßen haben, die Grundregeln des Regimes wieder begreiflich gemacht werden. Solange der Häftling kooperativ ist, gibt es da auch keine weiteren Probleme. Er wird dann das UEL nach einer Zeit von zwei Tagen bis maximal sechs Monaten wieder verlassen und die Chancen stehen gut, daß er nie wieder in der Öffentlichkeit über die schlechte Wasserversorgung in seiner Stadt klagt.
Sollte er aber erheblichen Widerstand zeigen, kann die Behandlung auch verschärft werden! Und wenn es erst einmal so weit gekommen ist, kann der Betroffene eigentlich schon anfangen, seine eigene Grube zu graben. Denn dann wird er am Ende nur noch lallende Laute von sich geben können und den ganzen Tag mit einem seltsam verzückten Grinsen durch die Gegend wandeln!
Aber ich hab ja erst 5 Strafpunkte, das wird mir sowieso nie passieren. Und wenn ich jetzt gleich gehe, sind ja auch alle zufrieden.
Elmar verdrängt solche Gedanken meist umgehend, ihm ist jetzt nur wichtig, pünktlich zur Arbeit zu kommen.
Mühsam wälzt er sich aus seiner Schlafnische. Ein kurzes, halbherziges und leises Gähnen und dann wird wie gehabt ein überdehntes, frohes Lächeln in die Überwachungsanlage geworfen. 
“Morgen Jungs! Und, wie war die Nachtschicht?”, ruft er mit gespielt fröhlichem Ton dem Kasten an der Wand entgegen. Man weiß ja nie, vielleicht machen sie genau in dem Moment Zufallskontrolle bei ihm und sehen, wie er schlechtgelaunt und müde zur Arbeit trottet, mit dem Gewissen Leck-mich-am-Arsch-Blick. Das käme natürlich nicht gut an!
Immer lächeln, wenn man so ein Ding sieht, man könnte ja auf Sendung sein!
Nun drängt die Zeit aber langsam wirklich. Also ab ins Bad und den Wasserhahn aufgedreht. Doch da tut sich nichts. Kein einziger Tropfen quält sich aus dem Hahn! Man möchte fast verzweifeln. Aber halt, jetzt rumpelt es in der Leitung, na endlich! Doch was es ist mehr eine braune Soße, als anständiges Wasser.
Das geht nun schon den elften Tag in Folge so! Elmars beide Wassereimer in der Badewanne mit dem immer bereitstehenden Notvorrat werden langsam leer. Nur noch eine Schüssel voll abgestandenes Wasser steht drin und das braucht er vielleicht noch zum Kochen. Also muß das Waschen heute früh eben ausfallen, so einfach ist das! Wird schon irgendwann repariert werden! Dann frühstückt er eben gleich, spart schon Zeit, hat alles nur Vorteile!
Morgens gibt’s immer einen Ratioriegel zu Essen. Das sind leckere Energieriegel, garantiert schadstoffreich und 100% aus reiner Chemie. Wer weiß, vielleicht kippen die ihr altes Tiermehl auch noch oben drauf. Lecker!
Nun ist alles soweit klar, schnell in die lumpige Tageskleidung geklettert, das Riegelchen geknuspert und runtergewürgt. Jetzt gilt es nur dem Reiz, alles gleich wieder rückwärts zu essen, entgegenzuwirken. Elmar unterdrückt den Brechreiz und verlässt so schnell er kann die Wohnung. Es muß ja nicht jeder sehen, wie sehr ihm dieses “Frühstück” gemundet hat.
Dabei erkennt er auch gleich wieder die Vorteile der totalen Überwachung. Er kann einfach so gehen und braucht nicht einmal seine Wohnung abzuschließen! Warum auch, wenn jemand wirklich auf die idiotische Idee kommen sollte, bei ihm einzubrechen, würde man denjenigen sowieso mit den Kameras überall in der Stadt verfolgen. Der Sicherheitsdienst würde genau gesagt bekommen, wo sich der Einbrecher befindet und im richtigen Moment zuschlagen. Dann hätte Elmar seine gestohlenen Sachen wieder. Das heißt, daß bißchen, was man bei ihm schon stehlen könnte.
Gemächlich trabt er durch die matschigen Straßen, grüßt wieder mit gespielter Freude in jede der für alle gut sichtbaren “Spanner”, wie sie vom Volksmund genannt werden. Das sind die an fast jeder Laterne angebrachten Kameras und Mikros, welche von der Abteilung “Straßen und Plätze” überwacht werden. Innerlich fühlt er sich aber alles andere als wohl, wenn er sich seine Umgebung genauer betrachtet.
Was für ein mieses Wetter heute! Ich will wieder nach Hause! Und alles voller Schneematsch, widerlich!
Das sind die wahren Gedanken von Elmar, als er kurz vor 7 in der Früh durch die Altstadt von Ulm trottet. Aber laut würde er so etwas natürlich niemals sagen. Langsam kommt er nun in die Nähe des neuen Münsterplatzes. Hier stand einst der höchste Kirchturm der Welt, eine alte gotische Kirche aus dem 14. Jahrhundert. Den alten Platz kennt er noch dunkel von früher. Er war enorm groß und das Münster ragte weit in den Himmel hinauf. Er glaubt sich erinnern zu können, daß er sogar schon einmal ganz oben auf der Plattform gestanden hatte.
Was war dieses Münster eigentlich früher? Wie heißt das nur? Turm, irgendwas mit “Turm”... ja, Kirchturm! Kirchen... so etwas gab es “danach” auch nicht mehr...
Heute sind von den über 160 Metern nur noch knapp 80 erhalten, die Hälfte dieses gigantischen Bauwerks ist bei einem Angriff in sich zusammengefallen. Der Rest des Gebäudes wurde noch am gleichen Tag dem Erdboden gleichgemacht. Die Ruine, welche heute noch übrig ist, besteht aus großen Teilen des Eingangsportals, einer sogar noch begehbaren Empore in 30 Metern Höhe und einem Mauerrest von nochmals rund 50 Metern, welcher spitz zur linken oberen Ecke verläuft. Eigentlich ein völlig zerstörtes Bauwerk, das wohl doch früher oder später dem Sprengmeister zum Opfer fallen wird.
Nun, der heutige Platz hat nicht mehr das ansprechende Aussehen von einst. Das Geröll der zerstörten Gebäude wurde weggeschafft und der freie Raum mit einer schmutzig wirkenden Asphaltdecke überzogen. Man hat den Platz bis auf einen winzigen Rest zugebaut und er dient nun als Großmarkt für Waren aus der ganzen Welt. Schon seit Jahrhunderten handelt man hier mit Gewürzen, Obst, Gemüse, Tieren usw. Heute wird fast ebensoviel gehandelt, wie damals im Mittelalter, nur sind die Handelsgebäude größer und nicht mehr transportabel. Einmal jede Woche ist Markt – natürlich ausgerechnet heute, wo Elmar ohnehin schon mit der Zeit zu kämpfen hat!
Händler aus aller Welt kommen hier zusammen, kaufen und verkaufen, was das Zeug hält – Stress pur für alle Beteiligten. Vor dem Eingang ist bereits ein großes Gewimmel und es riecht unangenehm nach Schweiß.
Leute grölen durcheinander und die Männer vom Sicherheitsdienst an der Seite des Eingangs schauen schon grimmig. Bald wird’s ihnen wohl zuviel und ihre weißen Dienstuniformen werden den schwarzen Charakter darunter nicht länger verbergen können. Dann gibt’s Dresche! Aber es hilft alles nichts, Elmar muß da durch, wenn er zum BKD will ...

 ... “He, Elmar! Wie geht’s?” Ein fester Händedruck.
“Hallo Flo! Na ja, es geht.”
“Hast auch schon gehört, die sind anscheinend jetzt schon in Süddeutschland?”
“Ja, hab ich. Aber wer bitte sind eigentlich ‘Die’?”
“Woher soll ich das wissen? Das weiß keiner so genau, das ist es ja. Ich kann dir auch nicht mehr sagen als das, was ich im Fernsehen mitbekommen habe. Irgend so ’ne ‘Unbekannte Macht’!”
“Sind bestimmt wieder die Russen, da wette ich was.”
Doch Elmars Gesprächspartner schüttelt nachdenklich den Kopf.
“Du, das glaub ich nicht. Die waren ja schon vor ein paar Monaten hier und sind gleich wieder abgezogen. Wenn die jetzt wiederkommen würden, gäbe es doch nicht das Gerede über diese Unbekannten. Aber im Fernsehen hört man die ganze Zeit was von ‘Unbekannten Angreifern’. Das geht jetzt schon ein paar Wochen so.”
“Glaubst du wirklich, daß es so schlimm ist, Flo?”
Dieser schweigt kurz. Dann blickt er Elmar direkt in die Augen und senkt die Stimme.
“Ich wollte gestern einen Kumpel von mir in München anrufen. Aber alle Leitungen waren tot! Und ich habe gehört, niemand würde sich auch nur in die Nähe der Stadt trauen.”
“Habe ich auch gehört – aber irgendwie glaube ich das nicht so richtig.”
Diese Unterhaltung zweier 20-jähriger Jungen ist schon lange Geschichte. Sie fand auf dem Westplatz statt. Es ist Sommer, 23° warm.
Elmar und Florian stehen auf dem schönen Platz und im Hintergrund ist das mächtige, 161 Meter hohe Münster gut zu erkennen, wie es sich majestätisch über den alten Häusern erhebt. Ein ziemliches Gedränge von Menschen ist um sie. Jeder geht seinen Besorgungen nach, die Zeiten sind schwer. War das Land vor dem Krieg schon in einer Wirtschaftskrise, so muß die Bevölkerung nun auch noch für das Schlimmste Vorsorge treffen.
Die Kämpfe in ganz Europa dauern schon seit Wochen an. Deutschland war von Anbeginn Ziel der Angreifer. Zuerst waren es wirklich die Russen. Dann schalteten sich die Amerikaner ein. Doch was anfangs wie ein Zuhilfekommen und nach einer Rettungsaktion für die Europäer aussah, entpuppt sich langsam als ein Horrorszenario erster Güte.
Es scheint, als hätten sich beide Armeen vermengt zu einer neuen, noch brutaleren Kampftruppe. Unbekannte Uniformen, die Kampfbomber in schwarzer Farbe. Wie aus dem Nichts tauchen diese neuen Kämpfer auf. Rußland, Amerika, Frankreich und die anderen Länder dementieren ihre Verwicklung, geben aber seit einiger Zeit keine Informationen mehr über ihre Strategien preis und stellen sich generell taub.
Es ist gerade 14 Uhr am Mittag. Elmar wollte eigentlich mit Flo ein bißchen in die Stadt, durch die Kaufhäuser ziehen. Zur Zeit ist alles wahnsinnig billig.
Es wird intensiv diskutiert. So sehr, daß die zwei gar nichts mehr um sich herum mitbekommen. Weder das Klingeln der nagelneuen Straßenbahnen, noch das seltsame Motorengeräusch in zwei Kilometern Höhe.
Sie setzten sich aber dennoch Richtung Innenstadt in Bewegung.
“Ich glaube, ich kaufe noch irgend etwas aus Gold oder so.” Auch Elmar packt mit der Zeit die Angst vor dem, was noch auf sie zukommen könnte.
“Warum willst du Gold kaufen?”
“Mann, wenn das so weitergeht, dann ist das Geld bald nix mehr wert!”
“Kapiere ich nicht Elmar. Ein Euro ist ein Euro wert oder wie? Sind irgendwann zwei Euro nur noch ein Euro wert? Dann müßte man ja überall auf den 2 Eurostücken die 2 wegstreichen, oder?”
“Mann, das Geld ist bald nix mehr wert, das nimmt keiner mehr an! Die Girokonten haben die mir schon gelehrt! Da waren fast 5.000 plus drauf! Alles weg jetzt!”
“Wie? Das versteh ich nicht, Elmar.”
“Ist doch logisch Flo: Wenn du 5.000 einbezahlst, nehmen die das Geld und verleihen es wieder. Das machen die ewig oft, bis sie vielleicht deine 5.000 hundert mal verliehen haben. Dann hat die Bank 500.000 quasi aus dem Nichts geschaffen! Und ohne daß mehr Geld in ihren Tresor gekommen wäre, als deines, haben sie ´ne halbe Millionen Euro zusätzliches Geld produziert! Und jetzt kriegen sie eben die Quittung für diese Spielchen, die sie seit Jahrzehnten betreiben. Alle wollten ihr Geld gleichzeitig abheben, doch so viel haben die Banken einfach nicht! Alles imaginäres Geld, nur Zahlen im Computer!”
“Verdammt, ich hatte mein ganzes Geld nur bargeldlos auf dem Konto! Mit was zahl ich denn jetzt?”
“Eben deshalb hättest du das Geld ja schon längst in Gold oder sonst was investieren sollen, etwas das immer an Wert behalten wird!”
Doch noch während Elmar seinem Freund die Ganze Sache genauer erklären kann, stockt er.
“Warte mal kurz! Hörst das auch?”
Flo schaut ihn überrascht und fragend an.
“Was denn? Was soll da sein?”
Elmar ist sich sicher: Das Motorengeräusch über ihnen klingt irgendwie viel zu laut und... ungewöhnlich.
“Ich meine das dämliche Brummen. Was ist das?”
“Ein paar unserer Düsenjäger, na und? Die fliegen doch täglich hier über die Stadt.”
Doch Elmar traut dem nicht wirklich. Er weiß, die Tornados der Bundeswehr klingen anders. Diese hier sind leiser! Schließlich blicken beide in den Himmel, um nach der Quelle dieser Geräusche zu suchen. Zuerst sehen sie nichts. Doch dann fliegt etwas über sie hinweg. Schnell, sehr schnell. Es ist ein Flugzeug, ja.
Aber bei genauerem Hinsehen...
Nein! Das kann nicht sein! Oh Gott, laß das nicht wahr sein! Bitte laß mich das nur träumen! Das sind... 2 Stück! Nein, 3... 5... Scheiße!... 7! 7 Stück!
“Flo! Da!” Er deutet nach oben, seine Stimme bebt.
Florian sieht es jetzt auch. Er will etwas sagen, aber Elmar schneidet ihm das Wort ab.
“Hast recht, das sind keine von uns! Das sind hochmoderne Dinger! Und sie sind schwarz! Pechschwarz und ohne Kennzeichnung!”
Eine weitere Diskussion wird aber absolut unmöglich gemacht, denn wie zur Bestätigung ihrer schlimmsten Befürchtungen durchzuckt die Stadt eine ohrenbetäubend laute Explosion. Die erste von unzähligen, die in den nächsten zwei Tagen noch zu hören sein werden.
Der Boden bebt. Keinen Kilometer von ihnen entfernt muß die Bombe eingeschlagen haben! Verdammt! Eine Bombe! Kampfflieger!
Warum wurde die Bevölkerung nicht gewarnt? Was soll das jetzt? Luftangriff!?! Das gibt’s doch nicht! Was haben wir denn gemacht?
Es kracht wieder, jetzt zittern sogar die Hochleitungen der Straßenbahn. Die Schienenfahrzeuge bleiben stehen und spucken Menschen aus, die in Panik das Weite suchen. Putz bröckelt von den Wänden der Häuser.
“Sie greifen an! Sie greifen an!” Ein Mann kommt schreiend die Straße entlang gelaufen. Auf dem Westplatz hat sich eine Menschenmenge gebildet und schaut in den Himmel. Blickt Richtung Innenstadt, wo eine Rauchsäule aufzusteigen beginnt.
Der Mann kommt hinzu.
“Sie haben den Bahnhof angegriffen! Meine Frau steht in der Bahnhofsstraße mit dem Handy! Sie sagt, alles um sie herum brennt... oh Gott!”
Neuerliches Turbinengeräusch der tieffliegenden Jäger ist zu hören. Die Düsen donnern drohend, dumpfes Brummen untermalt das Ganze.
“Verdammt, sie kommen wieder!”
“Wo hat es hier eine Tiefgarage?”  Die Frage kam irgendwo aus der Menge. Es kommen immer mehr Menschen hinzu. Alles wird unübersichtlich. Langsam macht sich Chaos breit. Elmar ist mutig und schreit laut in die Menge zurück:
“Warum? Wer will das wissen?”
“Da können wir Schutz suchen!”
Wieder neue Rufe, alle reden durcheinander. Jedes Gespräch wird unmöglich. Und das Geräusch der kreischenden Jäger im Tiefflug kommt immer näher...
“Wieso greifen die uns an?”
“Woher sollen wir das denn wissen?”
“Ist doch egal jetzt! Kommt Leute, suchen wir Schutz!”
Massenhysterie setzt ein. Der einzelne hat keine Chance sich dagegen zu wehren. Die schreiende Menschenmenge erfaßt Elmar und Flo und trägt beide wie auf Wellen mit. Ob sie wollen oder nicht, sie müssen mitlaufen. Doch alles scheint in verschiedene Richtungen zu drängen. Keine Ordnung, keine Organisation. Die zwei Freunde entfernen sich zusehends voneinander.
“Flo, ich...”
Wo zum Henker... ah, da ist er. Aber er bleibt ja zurück! Mist! Alles drängelt, ich muß mit, es geht nicht anders! ...

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