Leseprobe
Der Widerstand
Roman von H. Steve Caraway
ISBN 3-00-009341-9 – € 14,85 – Preise inkl. MwSt., zzgl. Versand
... Leda war gerade 17 Jahre alt, wenn man den Angaben ihrer Mutter glauben konnte, die vor Jahren mit
irgendeinem Kerl ins Ausland verschwunden war. Ihr Vater hatte sich aus Kummer unter einen Zug gelegt, sagte man. Und Leda sagte den Behörden dann auch einfach, daß das ihr Vater gewesen sei, als sie den zerschundenen,
abgetrennten Kopf sah. Ob es nun ihr Vater gewesen war oder nicht, was machte das schon aus. Es gab so viele, die sich das Leben nahmen, weil sie nicht mehr ein noch aus wußten.
Seit sie in Europa die Union hatten, kam die Arbeitslosenquote nicht mehr unter dreißig Prozent. Harry Meister sprach von einer politischen Entscheidung, um damit Druck auf die Gewerkschaften auszuüben. Obwohl diese nur
noch ein Schatten ihrer selbst waren. Überall gab es bereits schon soziale Unruhen, die jedoch von dem zentralen Innenministerium gnadenlos unterdrückt wurden.
Man sprach von etwa 600 Toten Aufständischen in Paris, wo das auch immer liegen mochte. Ledas geographischen Kenntnisse waren nur rudimentär. Doch das Massaker war vor zwei Monaten.
Nur raus aus der Misere, dachte jeder! Aber wie? Manchmal wollte Leda verzweifeln und es dem gleichtun, den sie für ihren Vater ausgab. Das kostetete sie nichts, höchstens das Leben – und das war nicht besonders viel wert.
Doch dann kam Harry Meister, und damit änderte sich alles für sie. Zwar langsam nur, aber sie sah wieder einen Sinn in ihrem Leben. Er war bedeutend älter als sie, mindestens um die Vierzig, und er behandelte sie seit dem
Vorfall mit “Scheitel” wie seine Tochter, obwohl sie für ihn gerne mehr sein wollte. Sie fühlte sich in seiner Nähe geborgen, denn er strahlte eine souveräne Autorität aus, der sich kaum jemand zu entziehen vermochte. Bei
Zusammenkünften mit kleinen Gruppen an geheimen Orten versuchte er, hier im Land eine Aktionsfront gegen die Regierung aufzubauen.
Es mußte sehr vorsichtig vorgegangen werden, denn der InPol – der Sonderpolizei des zentralen Innenministeriums
– standen alle technischen Mittel zur Verfügung. Das reichte von der Satellitenüberwachung bis zur elektronischen Abtastung verdächtiger Bezirke. Denen war wohl alles und jedes verdächtig, denn man sah die Fahrzeuge
pausenlosen in den verschiedensten Stadtgebieten auftauchen. ...
... Vor den wild hüpfenden Schlauchbooten tauchte plötzlich dunkel der graue Turm eines Unterseebootes aus den
Fluten auf. Am Turm prangte als Hoheitszeichen die goldene Strahlensonne des spanischen Südamerika. Darunter konnte man im Dämmerlicht die schwarzen Buchstaben kaum ausmachen die besagten, daß es sich bei dem U-Boot um ein Schiff der Armada de Hispano-America handelte.
Knappe Befehle erklangen mit leiser Stimme über das Wasser. Sofort wurden die Boote auf Deck gebracht und die Passagiere ins Bootsinnere geleitet.
Die beiden Gefangenen wurden schon erwartet und kamen ohne Umschweife in bereits vorbereitete Arrestzellen. Jeder bekam eine Zelle für sich. Und zwar weit entfernt voneinander. Der eine kam im Bug unter und der andere in
der Gegend des Hecks. Obwohl man nur mit einer Person gerechnet hatte, war man in dem großen Boot um Kabinen nicht verlegen. So weit auseinander, konnten sich die Gefangenen auch durch Schreien nicht gegenseitig verständigen.
»Bitte an Bord kommen zu dürfen.«
Der Kapitän streckte Harry und den beiden Mädchen die Hand entgegen. Die übrigen Männer aus Harrys Truppe
befanden sich bereits wieder als harmlose Amerikaner verkleidet auf der Fahrt zur Verleihstation ihrer Fahrzeuge. Auf sie warteten bald schon neue Order.
»Herzlich willkommen an Bord der Libertad«, begrüßte sie auf Deutsch der Offizier.
»Ich bin Kapitän Alberto Muller. Zu deutsch natürlich Albert Müller, was allerding nach meinem Geschmack ziemlich banal klingt. Bitte nennen Sie mich einfach Alberto, so muß ich nicht lange umdenken. Meine Familie ist
deutschstämmig und bereits seit der fünften Generation in Südamerika. Sie siedelten sich unten im Seengebiet von San Carlos de Bariloche Mitte des 19. Jahrhundert an. Das liegt in Argentinien. Meine Ahnen haben sich den Ort gut
ausgesucht – es ist wirklich eine traumhafte Gegend. Sie müssen uns einmal besuchen, wenn das hier alles vorbei ist.«
»Sehr gerne. Vielen Dank. Doch zuerst darf ich mich im Namen der neuen deutschen Regierung herzlich für Ihre
Hilfsbereitschaft bedanken. Ohne Sie hätten wir wohl kaum Erfolg gehabt.«
Harry deutete in Richtung der Gefangenenzellen.
»Oh, das war uns eine Ehre. Und wenn wir den Gringos eins auswischen können, sind wir dazu gerne bereit. Im
übrigen ist Ihre Mutter eine tolle Verfechterin ihrer Ideen. Sie hat mit ihrem energischen Wesen sogar die alten Herren der Admiralität klein bekommen.«
»Ja, das klingt ganz nach Mutter. Ich habe sie leider schon viele Jahre nicht mehr gesehen. Wir standen nur aufgrund der Organisation mit ihr in Kontakt.«
»Haben Sie Ihre Mutter schon einmal wütend gesehen? Diesen Auftritt hatte sie vor der Admiralität, nachdem der Präsident, den sie zuerst besucht hatte, sie mit seinem Segen zur Armada schickte. Da hatte sie den alten Knaben
aber die Hölle heiß gemacht, bis sie sich dann für das Projekt selbst begeisterten.
Die Gringos sind eben immer noch ein Angstgegner für uns – und auch unser Lieblingsfeind. Unsere Operation wird
übrigens offiziell als Übungsfahrt klassifiziert.«
»Wie ist es möglich, daß Sie in dieser kurzen Zeit bis vor die Küste der Neuenglandstaaten gelangen konnten?«
»Vor den nordamerikanischen Küsten kreuzen immer ein paar U-Boote der Armada in internationalen Gewässern. Wir wollen uns nicht überraschen lassen. Es ist anzunehmen, daß die natürlich wissen wo wir sind. Sie lassen uns
aber ungeschoren. Das könnte sich allerdings ändern, wenn die heutige Entführung unserer beiden Gäste bekannt wird. Die BOSTON COMMISSION hat ihre Finger auch in der nordamerikanischen Regierung. Und wer weiß, in
welchen Regierungen sonst noch. Sicher auch bei uns. Wie Ihre Mutter berichtet, wird keiner Präsident in Washington, der nicht von diesen Leuten ausgesucht wird. Geld für die Manipulation der Wähler spielt da keine Rolle.
Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß sie einen nicht genehmen Präsidentschaftskandidaten einen kleinen Unfall erleiden lassen, oder er wird von den Medien – die sind alle in der Hand der Boston Commission – mit einer
schmutzigen Lügenkampagne überzogen. Ein aufrichtiger Mensch hat es da schwer, etwas zu bewirken.«
Der Kapitän sah seine drei Passagiere an.
»Entschuldigen Sie bitte, aber das mußte heraus. Natürlich möchten Sie sich zuerst frisch machen. Sie haben bestimmt allerhand erlebt. Ich darf Sie zum Dinner in die Offiziersmesse zu Tisch bitten. Dort müssen Sie uns die
ganze Geschichte haarklein erzählen. Wir haben noch etwa dreißig Stunden, bevor wir in Port-au-Prince auf Haiti einlaufen.«
Er winkte dem Zweiten Offizier. Dieser brachte die drei dann in ihre Unterkünfte. Nach einer heißen Dusche schliefen sie fest und traumlos ein ...
... Düsenlärm und das Zischen von Seeziel-Raketen erfüllte die Luft. Dazwischen das bullige Krachen von
Schiffskanonen sowie das Stakkato der Luftabwehrwaffen. Die Luftwaffe der Konföderierten flog verbissene Angriffe gegen die beiden nordamerikanischen Fregatten. Da die Piloten aus Kuba kamen, hatten sie ihre Aversion
gegen die Nordamerikaner schon mit der Muttermilch eingesogen. So sehr haßten sie die Gringos.
Da spielten unvergeßliche Ereignisse aus der Geschichte Kubas noch eine große Rolle. Beginnend damit, als die
Amerikaner vor über hundert Jahren mit der ihnen eigenen Heuchelei die Kubaner von ihren “Unterdrückern”, den Spaniern, “befreiten”. Nur um dann die Insel der US-Mafia zu überlassen. Ein Diktator folgte dem anderen, bis
schließlich Fidel Castro die Amerikaner von der Insel vertrieb – außer auf den kleinen Stützpunkt Guantanamo im Osten der Insel. Den behielten diese bis zur Gründung der Konförderation. Dann wurden sie von der gesamten
Konföderation mit Schimpf und Schande davongejagt. Zu dieser Zeit wagten es die verkleinerten USA noch nicht, wegen dieser Basis einen Krieg mit den Südstaaten zu beginnen.
Wie man heute sieht, haben sie ihren Schock überwunden und auf Druck der Boston Commission offenbar auch alle Vernunft begraben.
Eine der Fregatten hatte bereits starke Schlagseite. Flammen schlugen aus den Aufbauten und dicker Qualm lag über dem Schiff. Es mußte offensichtlichtlich aufgegeben werden. Das zweite Schiff versuchte zu entkommen, saß
aber in der Falle. Denn in dem engen Fahrwasser konnte es nicht wenden. Also versuchte es mit äußester Kraft und aus allen Rohren feuernd sein Heil in Rückwärtsfahrt.
»Es sitzen Kubaner in den Jets. Sie hegen seit altersher einen Groll gegen die Yankees. Es ist gerade eine Freude, wie sie sich auf die Gringos stürzen. Sie haben aber Befehl, das zweite Schiff nicht zu schwer zu beschädigen und
es entkommen zu lassen. New Orleans will keinen Krieg mit dem Norden. Und wir auch nicht. Ihr etwa in Europa?« ...
... Es dauerte nicht lange, als sie auch schon das feine Brummen der Motoren eines Flugzeuges hörten, das
schließlich immer mehr anschwoll. Dann sahen sie auch die zweimotorige Maschine, wie sie gleich einer dicken Hummel versuchte, auf dem Plateau zu landen.
»Das klappt nie!« entfuhr es Harry. »Der kann hier niemals landen! Dafür ist die Piste zu kurz und der Vogel viel zu schwer und zu lahm!«
Doch da berührten schon die Räder der Maschine den Boden und raste auf sie zu. Staub und kleinere Steine spritzten von den Rädern zur Seite, bis sie nur wenige Meter vor den Freunden mit laufenden Motoren zum Stehen kam.
Die Luke ging auf, ein Mann sprang elegant auf die Erde und kam auf die Freunde zu.
»Das ist mein Freund, Capitaine Gérard Tournié. Er wird Sie nach Santo Domingo bringen.«
Der Pilot grüßte militärisch und Guignard umarmte ihn. Dann gab er jedem die Hand. Besonders bei den beiden Mädchen verweilte er länger und setzte sein herzlichstes Lächeln auf.
»Meine Maschine ist eine Grumman Albatros, ein Amphibienflugzeug. Wir können also auch im Wasser landen und auch wieder starten. Natürlich ist sie schon etwas betagt. Über ein halbes Jahrhundert hat sie bereits auf dem
Buckel. Sie ist aber sehr solide gebaut und immer gut gewartet worden. Also keine Angst. Ich bringe Sie wohlbehalten nach Santo Domingo.«
Er wandte sich an die beiden Mädchen:
»Vielleicht ist es mir in Santo Domingo vergönnt, die beiden jungen Damen auszuführen.«Dann wurde er wieder ernst und sagte unvermittelt:
»Wir müssen uns sputen, bevor unsere Gegner aus den Federn sind. Wir fliegen quer durch das Massif du Nord und versuchen dabei, jede Deckung auszunutzen. Der Treibstoff reicht weit über Santo Domingo hinaus. Doch über dem
Territorium der Dominikanischen Republik müssen wir uns so unsichtbar wie möglich machen und werden also im Tiefflug Hispaniola überqueren.«
Dabei umarmte er seinen Freund Capitaine Guignard noch einmal und gab Charlie die Hand. Auch die Freunde verabschiedeten sich von Charlie und Capitaine Guignard, bevor sie in das Flugzeug einstiegen.
Charlie raunte Capitaine Guignard zu:
»Ob Ihr Freund es wohl schaffen wird, auf dieser kurzen Piste abzuheben? Es sind jetzt immerhin sechs Personen an Bord und die Tanks sind sicher noch randvoll.«
»Keine Sorge, Monsieur! Gérard schafft es. Der hat schon ganz andere Sachen hinbekommen!«
Währenddessen heulten die beiden Motoren der Maschine auf und sie drehte sich in den Wind. Der Pilot und die
Freunde winkten den Zurückbleibenden zu, als die Motoren die volle Drehzahl erreichten. Die Maschine ruckte und zuckte, als die Propeller sie vorwärts ziehen wollten. Doch die Bremsen verhinderten ein vorschnelles Davonrollen.
Dann endlich bewegte sich das Flugzeug und wurde immer schneller und steuerte auf den für die Freunde viel zu nahen Abgrund zu.
Die Räder hatten sich noch nicht von der Piste gelöst, als die Maschine über den Rand des Abgrundes jagte und dabei etwa hundert Meter durchsackte, so daß den Passagieren der Magen in der Halsgegend hing. Vom Piloten
hörten sie nur fröhliches Gelächter und dann sang er ein haitianisches Volkslied, als er die Maschine steil hochzog und wieder über das Plateau flog. Wie als Demonstration für die zurückgebliebenen beiden Männer, die in
unterschiedlicher Gemütsverfassung dem vermeintlichen Absturz des alten Flugzeuges zugesehen hatten. Dann kam er auf die beiden zu und wackelte bedächtig mit den Flügen bis er schließlich über die Höhenrücken davonzog.
Capitaine Guignard machte sich mit Charlie auf, zurück in das Höhlenlabyrinth zu gehen, denn er mußte auf einer halsbrecherischen Piste wieder mit seinem Wagen zurück nach Port-au-Prince einem ungewissen Schicksal
entgegenfahren. Auf Charlie wartete schließlich sein Fahrer, der ihn wieder zurück nach Cap Haitien bringen sollte. Erst jetzt bemerkte er das Pochen in seiner verletzten Hand. Er entschloß sich im Gehen, nun doch noch ein Hospital
aufzusuchen. Und dann mußte er nach seinen teuren Ringen sehen, die noch an den abgetrennten Fingern stecken mußten ...
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