Leseprobe
 

DAS Kultbuch !

Die 23 Tage der Isais
Roman von V. Sieben

ISBN 3-00-010698-7   –  € 14,85 –  Preise inkl. MwSt., zzgl. Versand  

... Der langgezogene Tunnel machte eine Rechtsbiegung und mündete in eine finstere, abgelegene Höhle. An ihrem äußersten Ende, wo die schwarzgrauen Felsen an einer kahlen Wand endeten, befand sich eine gedrungene Tür. Die vier jungen Männer traten, einer nach dem anderen, durch den niedrigen Durchgang und setzten sich an den halbrunden Tisch im düsteren Versammlungsraum. An der nackten Wand saß eine zusammengesunkene Gestalt und starrte gedankenverloren ins lodernde Kaminfeuer. Die züngelnden Flammen zauberten bizarre Schattengebilde an die steinernen Wände.
Noch immer sagten die vier Männer nichts und nach einigen Minuten erhob sich die Gestalt und trat in die von den Flammen erleuchtete Mitte des Raumes.
“Was ist geschehen, Arne?”, fragte einer der Männer mit gespannter Erregung in der Stimme.
Arne trat dichter an den Tisch und sagte geheimnisvoll: “Es ist soweit – sie ist gefunden!”
Die vier zuckten merklich zusammen und mit einem Mal änderte sich die Stimmung im Raum von unerträglicher Spannung hin zur Euphorie. Die Männer hatten sich sehr gut im Griff, aber Arne entging nicht das abenteuerliche Aufblitzen in ihren Augen. Ein Lächeln überzog sein altes, von Tausenden feiner Fältchen bedecktes Gesicht. Obwohl er schon die 90 überschritten hatte, war er kräftiger und trat selbstsicherer und ehrlicher auf als viele der Jüngeren. Sein stolzes Haupt trug schneeweißes Haar, hoch und aufrecht war seine hagere Gestalt. In der Kolonie gab es die Redewendung, dass er wohl nie richtig alt werden würde, ohne seine Aufgabe beendet zu haben.
Arne trat etwas zur Seite und blickte dem links sitzenden der vier in die Augen.
“Heimdall, du bist das Licht unserer Kolonie, du bist auserwählt, die Aufgabe zu vollenden. Von Kindheit an wurdest du für diese Aufgabe vorbereitet, hast das Kämpfen und das Siegen gelernt für den letzten Tag und nun kann ich dir sagen: Der Tag ist nicht mehr fern.”
Der Angesprochene erhob sich ergriffen. Obwohl Arne schon eine imposante Erscheinung war, überragte ihn Heimdall sogar noch – und er war jung, stark und hatte strahlend blaue Augen unter seinem blonden Haarschopf.
“Heimdall, du wirst der Anführer sein für die Gruppe, du wirst sie in die ferne, lichte Heimat führen, die ihr noch nie erblickt habt und du wirst der Reiter sein, der zu den Menschen reitet und ihnen das Wissen bringt für das neue Zeitalter! 67 Jahre ist es her dass unser Volk im Kriege unterlag, 67 Jahre ist es her, dass ich, wie befohlen, dieses Versteck aufsuchte und diese Kolonie gründete auf dass unser Volk nicht untergehe, und 67 Jahre lang habe ich auf den Tag gewartet, auf dass das neue Zeitalter anbräche und ich eine Gruppe junger Kämpfer in die alte Heimat schicke, die Aufgabe zu vollenden!
Ich bin der letzte von uns, der noch im Land unserer Väter geboren wurde, und ihr werdet die ersten von uns sein, die wieder dorthin zurückkehren! Aber denkt daran: Nichts ist mehr so, wie ihr es aus den Büchern kennt. Die Welt ist in zwei Zonen unterteilt und unsere alte Heimat gehört zu einer davon, zur westlichen. Verhaltet euch so, wie es euch gelehrt wurde, denn es ist gefährlich in diesen letzten Tagen! Geh nun Heimdall, du weißt, was du zu vollbringen hast. Geh ins Haus der Versammlung und bereite dich auf die Reise vor!”
Der blonde Hüne hob die Hand und verließ den Raum.
“Nun zu dir, Folkert”, wandte sich Arne an den nächsten, der sich daraufhin schwerfällig erhob und unsicher zu Boden blickte.
“Folkert, auch du bist auserwählt von uns. Du weißt nicht, was dich auf der Reise erwartet, aber du weißt, welchen Lohn du und wir alle dafür erlangen werden! Beschütze Heimdall und hilf ihm, das Ziel zu erreichen und sei stets ein treuer Kamerad, wie du es schon immer gewesen bist.”
Folkert lächelte jetzt und sah Arne an. Er war genauso blond und stark wie Heimdall, aber nicht so groß und etwas schwerer. Auch bewegte er sich nicht so elegant wie der Anführer, als er mit linkischen Schritten der Tür entgegenstrebte. Arne sah ihm freundlich nach.
Es war richtig ihn auszuwählen, dachte er, denn er war immer zur Stelle und ist eine ehrliche Haut.
Er atmete tief durch, strich sich das weiße Haar zurück und setzte sich zu den beiden verbliebenen Männern an den Tisch. Er blickte ihnen nacheinander lange und fragend in die Augen und sagte: “Ragner und Degenar – jetzt zu euch.”
Ragner war der schmächtigere der beiden, auch er war groß, aber sehr dünn, hatte überproportional lange Gliedmaßen und wirkte sehr schwach und kränklich. Zwar hatten alle in der Kolonie aufgrund der fehlenden Sonne eine bleiche Haut, aber Ragner wirkte wie mit durchscheinendem Pergament überzogen. Die Adern und selbst die Knochen schienen hindurchzuschimmern. Arne sah auch ihn freundlich an, aber Ragner lächelte nicht zurück. Er war todernst wie immer und sein Kopf war voller Gedanken über die bevorstehende Zeit.
Arne lachte. “Ragner – du bist der ruhige Pol dieser Gruppe. Du hast viel gelernt in den letzten Jahren, und obwohl du es in der Kraft wohl mit keinem hier aufnehmen kannst, so  bist du doch einer der klügsten Köpfe. Ich habe dich unterwiesen in allen wichtigen Lehren und auch von Degenar hast du eine Menge gelernt, wahrscheinlich mehr, als gut für dich ist. Ich weiß, du wirst für die Reise sehr wichtig sein, denn keiner ist so geschickt und verschwiegen wie du.” Er berührte Ragner väterlich an dessen kurzen, schwarzen Haaren.
“Geh nun und bereite dich vor. Morgen früh wirst du gebraucht.”
Ragner erhob sich und schlurfte auf seinen langen Beinen bedächtig zur Tür. Man mochte nicht glauben, dass er mit seinen 25 Jahren der jüngste der vier war.
Als sich die Tür geschlossen hatte, fragte Degenar sofort: “Wo wurde sie gefunden?”.
“Das wurde nicht mitgeteilt.” Arne blickte wieder ins knisternde Kaminfeuer. “Sie war auf dem alten Kontinent – im Westsektor, soviel steht fest. Versteckt an einem sicheren Ort. Aber jetzt ist die Figur ja da – das allein ist entscheidend.”
“Sie musste gefunden werden!”, rief Degenar. “Die Zeit war gekommen.”
“Ich weiß – deine Berechnungen...”, begann Arne belehrend.
“Ja, meine Berechnungen”, unterbrach Degenar. “Die Sumerer kannten dieses Jahr als die Zeit der Wiederkunft ihrer Götter, der Nefilim, der Mayakalender endet in diesem Jahr und auch die heilige Schrift spricht im Buch Daniel davon.”
“Komm mir nicht mit der Bibel!”, entgegnete Arne leicht verärgert. “Hast du Ragner auch missioniert? Ihr zwei hängt doch ewig zusammen.”
“Ich denke nicht”, sagte Degenar. “Ragner ist ein ewig Suchender. Er liest auch viel und stellt viele Fragen, aber jede Antwort wirft 10 neue Fragen auf.”
“Ja”, entgegnete Arne nur kurz und lächelte wieder, als er sah, dass Degenar aufgesprungen war und im Zimmer hin- und herging, wie immer, wenn er redete.
“Was wir im innersten glauben ist doch bedeutungslos, so lange wir ehrenvolle Ziele verfolgen”, sprach Degenar und lief weiter umher. Sein schwarzes Haar hing ihm bis über das Gesäß und umfing ihn, obwohl er es zu einem Zopf zusammengebunden hatte. Er war keine 1,80 groß, aber ungeheuer stark und allein sein gewaltiger Brustkorb und sein strenger Blick zwangen jeden, einen weiten Bogen um ihn zu schlagen. Kaum jemand wusste, dass er der mit Abstand klügste Kopf in der ganzen Kolonie war. Mit sechs konnte er perfekt lesen und das tat er täglich seit 25 Jahren, während er seine Kombinationsgabe und seine überdurchschnittliche Intelligenz nutzte, um die verrücktesten Theorien aus seinem Wissen zu formen. Gerade das machte ihn für die Reise unentbehrlich.
“Wir sind in vielen Dingen, z.B. in der Religion, nicht einer Meinung”, begann Arne. “Aber ich weiß, dass du eine herausragende Rolle in diesem wichtigen Unternehmen spielen wirst. Keiner hat solch ein Wissen über spirituelle Dinge wie du und gerade das wird für euch die wichtigste Rolle spielen! Du weißt, dass du deine Instruktionen geheim halten musst – auch Heimdall gegenüber. Und solange alles nach Plan verläuft, muss du dich Heimdall unterordnen. Er ist der Mann von reinem Blut, der auf seine Aufgabe vorbereitet wurde. Wenn irgendetwas nicht klappt, erst dann ist deine Stunde gekommen.”
Degenar nahm die Worte ohne Reaktion entgegen. Er war Besonderheiten gewöhnt. Er hatte von jeher eine Sonderrolle in der Kolonie. Ähnlich Heimdall war er von Kindheit an auf diese Zeit vorbereitet worden, aber während Heimdall nur für die Schlacht und das Ritual ausgebildet worden war, überließ man Degenar die Rolle des Spiritisten und Philosophen, die für die Herbeiführung des Neuen Zeitalters unerlässlich war ...

... “Setzen Sie sich!” Horenz wies Ragner einen Stuhl. Das Büro war schwach erleuchtet und außer einigen, mit Aktenordnern überladenen, Regalen und einem unordentlichen Schreibtisch, befand sich nichts in dem kleinen Raum. Horenz setzte sich hinter sein Pult und schaute Ragner abschätzend an.
“Was wollen Sie?”, fragte Ragner schließlich. “Warum starren Sie mich so an?”
Der Chef lachte kurz auf. “Sie sind mir einer. Wir haben hier nicht oft Besuch, wissen Sie? Genaugenommen eigentlich nie.” Er beugte sich über den Tisch. “Können Sie sich eigentlich vorstellen, dass Ihr Auftritt für ziemliche Ratlosigkeit gesorgt hat? Diese Station gibt es genaugenommen schon seit 31 Jahren und: Niemals hier wurde ein Mensch in der Eiswüste gesehen, der nicht auch zum Team gehört. Hier ist über Tausende Kilometer nichts! Kein menschliches Wesen! Ich denke, Sie haben mir einiges zu erzählen!” Er lehnte sich zurück und verschränkte erwartungsvoll die Arme.
Ragner begann sich Zusehens unwohl zu fühlen. “Ist das ein Verhör?”
“Wenn Sie das so sehen? Ich bin, glaube ich, in der weitaus besseren Verhandlungsposition! Sie sind mein Gast und ich behandele Sie auch wie einen Gast! Sie speisen hier, Sie schlafen hier und vergessen Sie eins bitte nicht: wir haben Ihnen das Leben gerettet! Ich bin kein Staatsanwalt, das steht mir überhaupt nicht zu. Dieses Land ist frei, es herrschen keinerlei Gebietsansprüche vor. Wir sind nur Mitarbeiter auf einer wissenschaftlichen Forschungsstation. Deshalb bitte ich Sie nur um einige Informationen, auf die ich als Lagerleiter ein Recht zu haben glaube!”  Der Chef klang deutlich freundlicher und auch etwas beleidigt. Der Kerl ist so etwas von stur, dachte er, als er in Ragners verkniffenes Pokerface sah.
“Was haben Sie denn mit mir vor?”, fragte Ragner unschuldig.
“Wo wollen Sie denn hin? Die Verkehrsanbindung von hier ist äußerst schlecht. Ich nehme an, Sie müssen vorerst hier bleiben. Als Gast selbstverständlich.”
“Ich muss auf den alten Kontinent!”
“Haben Sie dort jemanden, der Ihre Reise arrangieren kann?.”
“Nein.”
“Und wie haben Sie sich das vorgestellt? Wer soll Sie da hinbringen?”
Ragner schwieg betreten.
“Ich schlage Ihnen ein Geschäft vor”, fuhr Horenz fort. “Ich will es Ihnen nur vorschlagen, aber Sie werden keine andere Wahl haben. Unsere Vorräte hier sind genau berechnet! Wir sind hier kein Hotel. Andererseits kann ich Sie nicht einfach rauswerfen, denn wo sollen Sie hier schon hin? Also schlage ich vor, Sie sagen ja zu meinem Plan.”
“Was ist denn Ihr Plan?”, fragte Ragner tonlos.
“Ich biete Ihnen folgendes an: Sie können vorerst hier bleiben! Sie behalten Ihr Zimmer und werden versorgt wie alle anderen auch. Meine Zeit hier geht zu Ende, die Mitarbeiter bleiben nur ungefähr 15 Monate hier und werden dann ausgetauscht. Wir haben ein Forschungsschiff in diesen Gewässern: die ,Polarstern’. Das Schiff bringt uns nach Beendigung unserer Arbeiten nach Hause – in ca. einer Woche, Sie haben Glück. Wir könnten Sie mitnehmen! Selbstverständlich müssen Sie sich auch an einigen Arbeiten hier beteiligen. Sie könnten zum Beispiel in der Küche helfen oder draußen.”
Ragner atmete tief durch. “Das klingt gut. Aber was kann ich Ihnen als Gegenleistung dafür bieten?”
“Die Wahrheit!” Horenz grinste verschwörerisch. “Ihre ganze Geschichte!”
Mist, dachte Ragner. Die Mission ist geheim. Wie viel kann ich ihm verraten? So schnell kann ich mir nichts ausdenken. Aber mir bleibt keine Wahl. Andererseits, was soll schon passieren?
Niemand wird den Eingang finden. Der Stützpunkt ist sicher und zu den Alten kommt niemand. Nur beim Auftrag darf ich mich nicht verplappern. Wahrscheinlich wird er mir sowieso kein Wort glauben.
“Okay”, sagte er laut.
“Super!” Horenz rieb sich die Hände.
“Was wollen Sie denn genau wissen? Stellen Sie Ihre Fragen!”
“Wie kommen Sie in die Antarktis?”
“Was vermuten Sie denn?”
“Oh, wollen Sie das wirklich wissen? Ich dachte zuerst an einen durchgeknallten Abenteuerurlauber, aber danach sehen Sie mir nicht aus. Also ich weiß es nicht, sonst würde ich Sie nicht fragen.”
“Ich wohne hier!”
Die Kinnlade des Lagerleiters klappte nach unten. “So, Sie wohnen hier. Und warum haben wir Sie hier noch nie gesehen? Wo leben Sie denn? Und wie lange schon?” Er glaubte kein Wort.
“Ich wurde hier geboren!”
“Moment! Das meinen Sie nicht ernst, oder?”
“Todernst!” Ragner schaute Horenz in die Augen.
Ich muss in die Heimat, sollen sie ruhig alles über die Angelegenheit erfahren, die Regierung weiß eh darüber Bescheid, dachte er.
“Haben Sie etwas dagegen, wenn wir in die Messe gehen und auch noch jemand anderes zuhört?”, fragte Horenz.
Ragner schüttelte den Kopf. Der Chef erhob sich und sie gingen beide den Gang zurück bis zu einem großen Aufenthaltsraum. Die Messe war leer, niemand saß an dem langen Tisch, der mit Stühlen umstellt war.
“Warten Sie bitte hier!”, sagte der Leiter, verließ den Raum und kam mit Ingenieur Schulz und einem Unbekannten wieder. Dieser Unbekannte war hager, um die 40 Jahre alt und sah aus wie ein altmodischer Buchhalter. Zudem trug er eine dicke Hornbrille.
“Das ist Miel, einer unserer Meteorologen”, stellte Horenz ihn vor. Die drei Männer setzten sich zu Ragner an den Tisch.
“So, unser Gast hier behauptet, in der Antarktis geboren worden zu sein”, begann der Chef und forderte Ragner mit einem Blick auf, weiter zu erzählen. “Wo genau war denn das und wo waren Sie die ganze Zeit?”
“Es gibt einen geheimen Stützpunkt.”
“Einen Militärstützpunkt? Aber doch nicht hier in der Nähe. Sie sind doch ein Bürger der westlichen Zone, oder?”
“Eigentlich nicht. Wir haben keine Zonen. Der Stützpunkt besteht schon sehr lange. Wie gesagt, ich wurde dort geboren.”
“Wie lange besteht er denn?”
“Seit über 70 Jahren! Dieses Land hier gehört uns!”
Miel mischte sich mit nasaler Stimme ein. “Ein Stützpunkt aus dem Krieg? Ein nationaler?”
Ragner nickte.
“Aber der Antarktisvertrag erlaubt nur eine friedliche Nutzung!”, rief Schulz.
“Erzählen Sie uns bitte alles über den Stützpunkt und wie es dazu kam”, sagte Miel und rückte seine Brille zurecht.
“Bereits 1873 erkundete die Polarschifffahrtsgesellschaft unter Eduard Dallmann dieses Gebiet. Sein Schiff hieß ,Grönland’ – es war das erste Dampfschiff überhaupt in diesen Gewässern. Danach gab es 10 weitere Forschungsreisen. Die bedeutendsten waren Wilhelm Fichtner 1910 und das Schiff ‘Meteor’ unter Dr. Albert Merz 1925. Die wichtigste Expedition jedoch fand 13 Jahre später statt. Am19.01.1939 erreichte das Schiff ‘Schwabenland’ diese Küste. Es hatte zwei 10 t schwere Dornier-Flugboote an Bord, die mit Dampfkatapulten gestartet werden konnten. Eins hieß ,Boreas’ und das andere ,Passat’. Man nannten sie auch ,Wale’. Der Kapitän des Schiffes war Alfred Ritscher.
15 Flüge wurden durchgeführt und 600.000 qkm Gebiet kartografiert. 11.000 Bilder wurden mit einer Reihenmesskamera geschossen und außerdem Fallflaggen abgeworfen. So wurde das gesamte Terrain, etwa ein Fünftel des Kontinents, zu unserem Gebiet erklärt.”
“Junger Mann, das ist aber über 70 Jahre her. Es gibt keine Nationalstaaten mehr!”, näselte Miel ...

... Der kalte Wind pfiff eisig um die Station, als Ragner und Horenz am Treppenturm standen. Ragner hatte sich alles übergezogen, was er finden konnte und fror trotzdem noch.
“Dort, 1,5 km weiter liegt unser luftchemisches Observatorium”, rief Horenz gegen den Wind und wies nach Süden. “Und von hier sind es nach Norden zehn Kilometer bis zur Schelfeiskante, wo die Versorgungsschiffe anlegen.”
“Wieso haben Sie die Station eigentlich unterirdisch gebaut? Wegen der Wärme?”
“Nein, Wärme gibt es auch nicht viel mehr, höchstens Schutz vor dem kalten Wind, denn die Station ist ins Eis gebaut. Wir stehen hier auf 200 Meter dickem Schelfeis! Eine Station unter der Oberfläche ist insofern günstiger, dass sie nicht von Schnee zugeweht wird, weil Sie keinen Widerstand bietet. Deshalb bauen viele ihre Polarstationen auch hoch – unser Observatorium zum Beispiel steht auf Stelzen, damit der Schnee unten durch weht! Hier sind nur die Treppentürme und die Einfahrten ein Problem.”
“Na toll, da kann ich doch jetzt bestimmt den ganzen Tag Schnee schippen, oder?”, fragte Ragner besorgt.
“Nein, nein.” Horenz lächelte. “Es handelt sich wirklich nur um kleine Schwerpunkte und dort legen alle Hand mit an. Für die großen Flächen wie Zufahrtswege oder die Schneelandebahn haben wir Schneefräsen.”
“Ach so? Wo sind die denn?” Ragner schaute sich um.
“Kommen Sie mit!”
Horenz lief um den Turm herum und wies unweit der Rückseite nach unten. Dort gähnte ein großer Rundbogen aus Stahl. Der Eingang war offen – zwei  Männer machten mit Schneeschiebern die Einfahrt frei und schauten neugierig zu ihnen herauf.
“Ursprünglich ist die Neumayer-Station 1981 erbaut worden, aber durch Schneelast und Eisbewegung war sie bald nicht mehr nutzbar. 1992 wurde sie neu gebaut, hier und unter das Eis.”
Ragner sah sich interessiert um. Sie befanden sich in einer größeren Halle, die mit Fahrzeugen der unterschiedlichsten Art vollgeparkt war. Vom Motorschlitten bis zur Schneefräse war alles vorhanden.
“Von hier geht’s unterirdisch weiter”, rief Horenz und winkte Ragner in einen Seitengang.
Vor ihnen lag ein langer, runder Tunnel aus geriffeltem Stahl.
“Der Hauptteil der Station besteht aus zwei parallel verlaufenden, 90 Meter langen Stahlröhren mit einem Durchmesser von acht Metern”, erklärte Horenz stolz. “Und das hier ist eine dritte, ebenso lange Röhre, hier sehen Sie eingelassene Container für die Vorräte, für den Abfall und für die Tanks!”
“Was wird aus den Abfällen?”
“Sie werden gesammelt und einmal im Jahr per Schiff nach Hause gebracht und entsorgt.”
Der Gang mündete in eine weitere Röhre.
“Hier sind die Laboratorien, eine Werkstatt, ein Funkraum, Sanitäranlagen und die Energieversorgung.”
“Dieselgeneratoren?”
“Ja. Wir nutzen die Abwärme gleichzeitig als Heizung und zur Schneeschmelze. Außerdem haben wir draußen noch eine 20 KW-Windkraftanlage!”
Schließlich betraten Sie wieder den Gang, in dem sich der Zugang zu Ragners Zimmer befand.
“Hier sind die Wohnräume, die Messe und die Küche – aber das kennen Sie ja schon. Weiter hinten befindet sich das Hospital.”
“Und wie viele Leute arbeiten insgesamt hier?”
“Zwölf. Außer mir noch vier Meteorologen, zwei Geophysiker, ein Elektriker, ein Ingenieur, ein Funker, ein Elektroniker und ein Koch.”
Ragner sah zur Tür des Hospitals.
“Ich bin nicht nur der Stationsleiter, ich bin auch Arzt”, bemerkte Horenz. “So, jetzt haben Sie alles gesehen. Wie finden Sie unsere Station?”
“Sehr wohnlich. Hübsch. Sehen Sie, ich bin kein Wissenschaftler.”
“Wie Sie bemerken, haben wir keinerlei Geheimnisse vor Ihnen. Sie sollen sehen, dass ich Ihre offene Art der Kooperation zu schätzen weiß! Ich hoffe, Sie erzählen uns auch weiterhin so freimütig über Ihre Heimat.”
“Nun ja.” Ragner suchte nach Worten. “Das, wo ich herkomme, lässt sich aber nicht mit einer solch kleinen Station vergleichen.”
“Klein?”, schimpfte Horenz beleidigt. “Das ist eine der größten und modernsten unterirdischen Stationen der Welt! Die Tunnel sind insgesamt 300 Meter lang! 300 Meter! Wie lang sind denn die Gänge Ihres unterirdischen Stützpunktes?””
“Etwa hundert Kilometer!” ...

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